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N°5

Der junge Mann vis-à-vis von mir war etwas über zwanzig, trug zu seinen brandneuen Levi's ein weisses Hemd und einen modischen Blazer von Hugo Boss, seiner Krawatte hat er sich entledigt, sie steckte zusammengerollt in der Seitentasche seines Sakkos, die Spitze des Schlips ragte noch hervor. Die teuren Stiefeletten waren nicht mehr ganz neu, aber sauber auf Hochglanz poliert. Selbstzufrieden schaute er lange aus dem Fenster, lehnte sich zurück, schloss kurz die Augen, lächelte still vor sich hin, klaubte nach einer Weile ein Papier aus der Brustinnentasche hervor, faltete es auf, es war die Menükarte der Brasserie Seefeld, er griff nach seinem Kugelschreiber, einem Faber-Castell, kreuzte an, was er offenbar bei seinem Businesslunch gegessen hatte: Ravioli al plin burro e salvia, Fegato alla veneziana und Sorbetto al mirto di sardegna. Ich kenne die Karte, eine gute Wahl. Er schrieb ein paar Worte dazu und dann in ganz grossen Lettern "Papa ich hab' den Job!", faltete das Papier zweimal sorgfältig zum Kleinformat A6, nahm aus seiner rechten Tasche eine Bonbon-Dose, entfernte sorgfältig den breiten Scotch-Streifen auf dem Deckel und klebte mit diesem das gefaltete Papier zu. Aus seinem Portemonnaie fingerte er eine Einfranken-Briefmarke, klebte diese behutsam auf die obere rechte Ecke und schrieb eine Basler Adresse darunter, offenbar diese seines Elternhauses, auf der Rückseite vermerkte er seinen Namen, Philippe. Er lehnte entspannt zurück, die Briefpost zwischen den Händen, blickte ins Nirgendwo, lächelte immerzu. Am Stadelhofen stieg er aus, eilte hinten ums Tram herum zum gelben Postkasten an der Falkenstrasse und warf seinen Brief ein. In mir kam Freude auf, denn solche witzigen und lieben Gesten sind im heutigen Zeitalter des Tippens von SMS selten geworden. Ich stellte mir den Vater vor, der diesen aussergewöhnlichen Umschlag aufmacht und die handgeschriebene Botschaft liest, und wie dieser Vater sich ob der guten Nachricht freut und stolz ist auf seinen Sohn. Der junge Mann hat ihm mit dieser Kleinigkeit eine riesen grosse Freude gemacht.    



Montag, 23. März 2015


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