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N°16

Die beiden Burschen lümmelten an der Haltestelle Fröhlichstrasse herum, stiegen in den 4er, setzten sich vis-à-vis eines Herrn, den sie sich ganz offensichtlich als Opfer für ihre Provokationen aussuchten. Der Herr, Mitte vierzig, in dunkelblauem Anzug, sass etwas steif auf der Bank, die Hände über seiner Aktentasche gefaltet, mit der Rechten fortwährend unkontrolliert zitternd. Die beiden Burschen sahen sich an, grinsten, liessen einer nach dem anderen ihren Kaugummi zu einer Blase gross werden und platzen. Päng, päng, der Herr schreckte zweimal kurz zusammen, fuhr sich mit der Rechten übers Gesicht, als ob er von etwas getroffen worden sei. Er presste seine Lippen zusammen, gab sich Mühe, sich nichts anmerken zu lassen. Die Burschen genossen ihre Attacke, wiederholten sie abermals. Wieder zuckte der Herr zusammen, diesmal räusperte er sich protestierend. Die Jungen schienen sich zu amüsieren. Der blonde Bengel am Fenster wandte sich seinem Kumpel zu und fragte, ob er wisse, wie es in Zürich mit den Bussen fürs Littering stehe. Der kleine gab geflissentlich Auskunft, sagte, er wisse, in Horgen hätte man schon eine Gesetzesvorlage diskutiert, die das Ausspucken von Kaugummi mit Busse bestrafe, und in Wallisellen zahle man 30 Franken für ein solches Verbrechen, aber in der Stadt, oder hier im Kreis 8, da glaube er, sei dies noch erlaubt. Der Blonde rieb die Hände, meinte, also wenn das Ausspucken oder Wegwerfen gebüsst werden sollte, wie sei es dann, wenn man seinen Kaugummi anders entsorge, zum Beispiel unter den Sitz klebe, auf den Türöffner oder so... Ja, da stehe nichts im Gesetz, meinte der andere, da könne man ihnen wohl nichts anhaben, und überhaupt, seit sie die Abfallkörbe im Tram entfernt hätten, würden Stadt und Verkehrsbetriebe so etwas ja richtig provozieren. Der Herr räusperte sich erneut, presste seine schmalen Lippen noch mehr zusammen, versuchte krampfhaft, nicht zu zeigen, was er dachte. Päng, päng, die Jungen waren entzückt über den Erfolg ihrer Provokation, sie standen auf, und der Blonde fragte seinen Kumpel, wohin sie nun ihren Kaugummi kleben sollen. Der antwortete nach einem vorsichtigen Seitenblick zum Herrn, ja vielleicht draussen an den Türöffner, wer dann nicht drücken wolle, könne ja aufs nächste Tram warten oder zu Fuss gehen. Der Blonde lachte und meinte, ja, genau so würden sie es machen. Die zwei Burschen stiegen an der Feldeggstrasse aus, winkten dem Herrn, den Kaugummi zwischen den Fingern. Der Herr sah ihnen wohl zu, verkniff sich allerdings eine Geste. Ob die Burschen deshalb ihre Drohung nicht wahrmachten, konnte ich nicht beurteilen, sie steckten ihren Kaugummi wieder in den Mund und zottelten von dannen.


Sonntag, 7. Juni 2015


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