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Brunos Tramnotizen – N°63

Seine Söhne seien jetzt 14 und 17 Jahre alt. Beide seien bis anhin gute, ja sehr gute Schüler sogar. Der Leistungsdruck habe ihnen allerdings immer mehr zu schaffen gemacht. Sie seien auf einmal zerstreut gewesen, hätten kaum noch schlafen können. Schliesslich habe der Arzt bei beiden erhebliche Aufmerksamkeitsdefizite festgestellt, dem jüngeren habe er Ritalin verschrieben. Die junge Frau, die mit dem Mann im 2er Richtung Tiefenbrunnen unterwegs war, meinte, dass sich solche Fälle in den letzten Jahren massiv gehäuft hätten. Sie sei Vertrauensperson im Schulpsychologischen Dienst und habe im Gespräch mit Jugendlichen und Eltern feststellen müssen, dass sich unsere Gesellschaft in den letzten zwanzig Jahren zu Ungunsten der Jugend verändert habe. Früher haben Jugendliche mehr Zeit gehabt, um erwachsen zu werden. Und auf dem Weg dorthin durften sie auch rebellieren und aus Dummheiten lernen. In den 1970er Jahren hätten junge Leute Cannabis konsumiert, um sich gut zu fühlen und sich aus den Zwängen des Alltags zu befreien, in den Neunzigern habe man freitags Extasy-Pillen geschluckt, um bis am Montag durchzutanzen. Es seien Spass- und Partydrogen gewesen, mit denen junge Leute gegen die Gesellschaft und deren Zwänge rebelliert hätten. Heute würden Jugendliche und Studenten Ritalin schlucken. Allerdings nicht um Party zu machen. Nein, die Jugendlichen und Studenten von heute seien keine Rebellen mehr. Sie seien die erste Generation, die nicht gegen das Establishment rebelliere, sondern sich diesem anpassen wolle. Sie seien Anpasser, Pflichterfüller! Ritalin würde ihnen helfen, den Erwartungen der Gesellschaft gerecht zu werden. Das Schulsystem sei dabei nicht ganz unschuldig, der Leistungsdruck sei enorm gestiegen. Gute Noten würden nur diejenigen haben, die sich am besten an diese Systemanforderungen anpassen können. Und die Schule fördere nur junge Menschen, die gut funktionieren würden. Für den kreativen Menschen, der etwas hinterfrage, der sich leidenschaftlich für etwas begeistern möchte... dafür bliebe in diesem System keine Zeit. Viele Jugendliche und auch Studenten würden darunter leiden. Sie hätten allerdings keine Alternative. Wer reüssieren wolle, dürfe sich nicht von anderen Dingen im Leben ablenken lassen, nichts hinterfragen, er müsse bedingungslos mitmachen, nur funktionieren und wie ein Roboter ohne Leidenschaft einfach seine Pflicht erfüllen. Der Mann schüttelte den Kopf, es müsse doch auch andere Wege geben, etwas zu lernen. Die Frau lachte, ja Kleinkinder könnten das noch. Das Hirn sei nämlich kein Muskel, den man trainieren könne, in dem man viel übe. Im Hirn passiere nur dann etwas, wenn derjenige, der lerne, das für sich selbst auch als wichtig einstufe. Erst dann würden die emotionalen Zentren aktiviert und es werde eine Art Doping ausgeschüttet. Dieses dope das, was man Begeisterung nenne. Die Begeisterung sei auch der natürliche Antrieb, etwas zu lernen. Diese Begeisterung fehle heute im System, in der Schule und in der Gesellschaft.

2. Mai 2016


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