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Brunos Tramnotizen – N°55

Sie sei soeben in Genf angekommen, log die junge Frau unverfroren in ihr Smartphone, sie laufe gerade die Rue du Mont-Blanc hinunter und sei in wenigen Minuten im Büro der Rue Kléberg, nein-nein, in Genf hätten sie blauen Himmel, ... ja, sie habe es gehört, in Zürich sei es scheusslich nass und kalt. Fröhlich lachte die Frau weiter, sie habe mehrere Tage in Genf zu tun, vor dem Wochenende sei sie nicht in Zürich. Dann sagte sie noch, sie ginge über Mittag zum Libanesen essen, im El Mektoub, schliesslich drückte sie den Türöffner und stieg an der Kreuzstrasse aus dem 2er. Die beiden Herren, die auf der Bank neben der Frau gesessen hatten, schauten sich etwas irritiert an. Der am Fenster lachte, dies sei schon eine recht freche Nummer gewesen, was sie wohl gemacht hätte, wenn plötzlich eine Durchsage der Leitstelle dazwischen gefunkt hätte. Der Jüngere mit der Mütze grinste, das sei heute halt so, wenn man seinen eigenen Weg gehen und sein ganz eigenes Ding durchziehen möchte, dann müsse man hie und da lügen. Wie denn das, empörte sich der Mann am Fenster... doch, doch, meinte der mit der Mütze, alle Menschen lügen, tagein, tagaus, ohne solche Flunkerei würde unsere Gesellschaft gar nicht funktionieren. Aber..., entsetzte sich der andere... Doch, entgegnete der Jüngere, er sage bestimmt auch nicht immer die Wahrheit. Zum Beispiel, wenn er jemandem ein Kompliment mache, er es in Wahrheit aber gar nicht so meine. Oder auf all den Social Media-Kanälen, da würden sich die Leute gegenseitig liken, nur damit diese sie dann auch liken. Lügen sei ja auch ein soziales Schmiermittel. Wenn wir immer die Wahrheit sagen würden, wären wir in den Augen anderer nur Nörgler, unanständig oder gar boshaft, wir würden uns sehr schnell ausgrenzen. Unsere westliche Kultur sei bei diesem Thema einfach nicht ehrlich. Die Asiaten seien da offener, sie gingen mit der Lüge unkompliziert um, da würde schon aus reiner Höflichkeit gelogen, um unnötige Konflikte zu vermeiden oder um das eigene Gesicht zu wahren, in China heisse es gar, wer lüge, sei nett. Und im Job, da sei es ja auch ganz offensichtlich so. Pro- und Kontra-Gruppen würden es nie weit bringen. Im Management lerne man das verhaltene Lügen und könne so locker als Brücke zwischen verschiedenen Gruppen agieren. Statt sich nur zu einer Seite zu bekennen, halten Manager zu allen einen oberflächlich lockeren Kontakt und werden so von allen Seiten akzeptiert – Lügen sei moralisch zwar verwerflich, aber für das soziale Miteinander und den Zusammenhalt verschiedener Meinungsgruppen in einer Firma unerlässlich. Der Mann am Fenster seufzte, das verstehe er schon, das seien ja auch nicht echte Lügen, aber die Frau von eben... der Mann mit der Mütze lachte, er habe sie ganz toll gefunden, und hübsch sei sie auch. Das sei doch jetzt gelogen, entsetzte sich der am Fenster. Der Junge grinste, nein, das sei jetzt ganz ehrlich.

7. März 2016


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