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Brunos Tramnotizen – N°97

Der Vater sass selbstgefällig auf der Zweierbank, mit der Rechten tippte er auf seinem Smartphone herum, mit der linken Hand streichelte er unablässig über den Kopf seines etwa siebenjährigen Sohnes. Er müsste sich doch freuen, er habe ja gleich zwei Mal Weihnachten feiern können, zuerst bei ihm, am Abend darauf bei seiner Mutter. Der Bub, Finn hiess er, fand das offensichtlich gar nicht erfreulich, er schaute mit verlorenem Blick aus dem Fenster. Hey, wiederholte sein Vater, so schön hätten es nicht alle Kinder... gleich zwei Mal Weihnachten, zwei Mal Geschenke auspacken. Und an Silvester dürfe er zu den Grosseltern, dort würde es nochmals eine Bescherung geben. Finn schwieg weiter. Was ihm denn dabei nicht passe, fragte der Vater nun ungeduldig. Er habe doch alles gekriegt, was er sich gewünscht habe, munterte der Vater seinen Sohn auf. Finn senkte den Kopf, er hätte sich eigentlich darauf gefreut, wenn sie wieder einmal alle zusammen gewesen wären und gemeinsam Weihnachten gefeiert hätten. Hey, meinte der Vater wieder, er sehe da das Problem nicht, so habe er doch mehr davon gehabt... an einem Abend sei er mit ihm ganz alleine zusammen gewesen und darauf mit der Mutter, das sei doch super. Finn schüttelte den Kopf. Zeit hätten sie ja sowieso nie, er nicht, die Mutter auch nicht. Mit ihm würde er meist nur Filme anschauen. Und die Mutter hätte noch Besuch von anderen, wenn er bei ihr sei. Man sage ihm dann immer, er könne doch fernsehen oder alleine etwas spielen. Früher, als sie noch alle zusammen gewesen seien, da seien sie in die Berge gefahren, wären schlitteln gegangen, auch als es schon dunkel gewesen sei. Dann hätten sie nach dem Essen noch gemeinsam gespielt. Heute würde er immer alleine gelassen, weil er ja schon gross sei. Das sei langweilig, bei den Grosseltern würde es auch nicht anders sein. Andere Kinder würden mit ihren Eltern zusammen sein und gemeinsam etwas unternehmen, das sei schön. An Silvester habe er auch wieder keine Zeit für ihn... und an Ostern schicke er ihn zu den Grosseltern. Dem Vater schienen die Vorwürfe zuzusetzen, er steckte sein Mobile in die Tasche, legte den Arm um die Schultern seines Sohnes, nein, so sei das doch nicht, also an Ostern... an Ostern habe er sich zu einem Kurs angemeldet, zum Fliegenfischen, eigentlich wollte er mit Kollegen – der Vater hielt einen Moment inne – gab sich dann einen Schubs, meinte, eigentlich könne er auch ohne die Kollegen... ob Finn mitkommen möchte, sie könnten den Kurs gemeinsam machen... und künftig auch an Wochenenden und in den Ferien fischen gehen. Die traurige Miene Finns wich einem glücklichen Lächeln, ungläubig schaute Finn zu seinem Vater hoch, fragte, ob er das fest verspreche. Der Vater holte tief Luft, sagte bestimmt und laut Ja, das sei versprochen. Der Sohn umarmte seinen Vater, sagte, er habe ihn lieb, er freue sich riesig auf Ostern... und das mit Silvester sei egal.

26. Dezember 2016


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