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Brunos Tramnotizen – N°48

Er sei einfach so gemein, er spanne ihm jede Frau aus. Dieses Wochenende sei es wieder so gewesen. Er habe sie zur Party eingeladen und weggegangen sei sie mit ihm. Das sei total ungerecht. Die beiden, es waren ganz offensichtlich Zwillinge, sahen sich zum verwechseln ähnlich und trotzdem waren sie grundverschieden. Sie sassen ganz vorne im 2er in Richtung Bellevue. Justin, so hiess der, der sich beklagte, sein Bruder war Jarno. Aus dem Gespräch ging hervor, dass beide im elterlichen Betrieb arbeiten, Justin im Verkauf, Jarno in der Werkstatt. Entsprechend waren sie gekleidet, Justin im Anzug, Jarno casual. Jarno erklärte seinem Bruder, warum dieser aus seiner Sicht dauernd den Kürzeren ziehe. Justin sei nie sich selber, sei immerzu bemüht, es allen recht zu machen er gebe nur sogenannt mehrheitsfähige Meinungen von sich, das sei 0815, das sei langweiliger Durchschnitt, so schaffe er es nie, wirklich zu überzeugen. Justin entgegnete verärgert, dass es doch gerade diese Mehrheitsfähigkeit sei, die ankomme. Jarno lachte laut heraus. Eben nein, mehrheitsfähig heisse, dass man damit nirgends anecke, niemandem auf die Füsse trete, man sei schlicht harmlos, bewege nichts, sei den andern schliesslich egal. Es gebe somit auch keinen einzigen Grund, so jemanden toll zu finden, ihn zu lieben. Er solle doch damit aufhören, vorab nach einer eventuell möglichen Meinung anderer zu fragen, um sich dann danach zu richten. Man würde ihn zwar mögen, aber etwas von ihm wollen, das sei eine ganz andere Sache. Er solle doch einfach Justin sein. Stuss sei das, totaler Stuss, empörte sich Justin, das erlebe er täglich im Geschäft. Da halte man sich an mehrheitsfähige Äusserungen und richte sich nach der Meinung der Kunden, sonst riskiere man, sie zu verlieren. Wieder lachte Jarno. Genau, so sei es, die Hälfte aller Kunden kämen vielleicht nicht mehr, das sei auch gut, mit denen klappe es sowieso nie, die anderen aber kämen gerne und gerade deshalb immer wieder. Für diese Hälfte habe er da zu sein. Es bringe überhaupt nichts, wenn er allen ein Lächeln abringe, diese dann aber woanders kaufen. In der zwischenmenschlichen Beziehung sei das nicht anders. Eine Weile schwiegen beide. Justin kniff lange die Lippen zusammen, dann drohte er leise seinem Bruder, das nächste Mal werde er ihm die Frau ausspannen. Jarno grinste, legte den Arm auf die Schulter seines Bruders, sagte okay, so gefalle er ihm schon viel besser!

17. Januar 2016


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