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Brunos Tramnotizen – N°35

Die zwei jungen Männer gestikulierten schon eine ganze Weile an der Fröhlichstrasse herum, beide trugen schicke Anzüge, sie arbeiteten wohl in einem Job, der nach einer strengen Etikette verlangte. So, wie sie miteinander umgingen, waren sie gute Freunde, sie stiegen in den 4er und tuschelten munter weiter, der eine ziemlich aufgeregt, der andere amüsiert. Der, der sich so aufregte, hiess Sämi, sein Freund Geri. Sämi jammerte, er rege sich jeden Tag über jede Kleinigkeit auf, das sei ärgerlich. Ja, und schliesslich ärgere er sich darüber, dass er verärgert sei. Geri grinste und schwieg. Sämi begann aufzuzählen, was ihm alles nicht passte: Im Bad liege die offene Zahnpastatube herum, die Haarbürste dort, wo sie nicht hingehöre, dasselbe in der Küche, alles werde einfach liegen und stehen gelassen, und anstatt, dass er darüber hinwegsehen könne, rege er sich dauernd auf, das sei schlicht Scheisse. Wie lange das schon ginge, wollte Geri wissen. Nach kurzem Zögern meinte Sämi, es sei eigentlich schon immer so gewesen, aber früher habe es ihm nichts ausgemacht. Geri lachte, er sei jetzt mit Daniela erst ein Jahr zusammen und schon krisele es bei ihnen. Er solle sich ein Beispiel an ihm nehmen, er wäre mit Sabine bereits sieben Jahre zusammen, und er sei froh darüber, wenn sich Sabine einmal unordentlich gebe. Da merke man wenigstens, dass noch jemand da sei, und einem das nicht wurst ist. Und wenn es eine kleine Zankerei gebe, so sei das auch ganz gut, spätestens am Abend versöhne man sich wieder. Er, Sämi, müsse das noch lernen. Und überhaupt: Er solle doch einmal darüber nachdenken, ob es nichts Wichtigeres gebe in einer Beziehung, als sich über derartige Kleinigkeiten aufzuregen. Sämi schwieg. Geri holte tief Luft, und begann seinerseits mit einer Schimpftirade: Er, Sämi, rülpse und furze nach dem Training unter der Dusche, benutze fremde Duschgels, schmeisse jedes Mal sein nasses Tuch in der Garderobe zu ihm rüber auf die sorgsam zurecht gelegten Klamotten, lasse gebrauchte Tempo-Taschentücher in seinem Auto liegen, vergesse die Kaffeetasse bei ihm auf dem Bürotisch, lasse überall sein Handy liegen, das mit dem doofsten Klingelton. Überhaupt, er nerve den ganzen Tag mit derart viel kleinem Gugus. Er werde ihn bei seiner nächsten Rauchpause auf dem Balkon aussperren. Sämi hatte plötzlich wieder gesunde Farbe im Gesicht, lachte verschmitzt, meinte ja-ja, er habe ja recht und fragte, ob Geri mit ihm heute ein Feierabendbier trinken gehe.

18. Oktober 2015


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