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Brunos Tramnotizen – N°29

Das Geklapper hörte sich vertraut an, es erinnerte mich an meine Kindheit, wenn der Grossvater in der guten Stube den Kachelofen einheizte, und die Grossmutter im grossen Ohrensessel sass, mit den Stricknadeln klapperte, neben sich ein Korb mit einem halben Dutzend Knäuel Wolle. Grossmutter strickte für die ganze Familie. Socken, Pullover und Mützen. Ich schaute mich im 4er um, sah dann drei Sitzreihen weiter die junge Frau, sie strickte tatsächlich. Irgendwie wollte bloss das Bild nicht passen, das ich vom Stricken hatte. Die Frau war Mitte zwanzig, elegant und teuer gekleidet, in kurzem Rock und roten High Heel Pumps. Auf dem Nebensitz lag eine grosse Reisetasche von Louis Vuitton. Als mich die junge Frau bemerkte, lächelte sie, sagte, ich solle mich doch zu ihr setzen und deutete auf den freien Sitz neben ihrer Bank. Nein, nein, sie stricke keine Socken. Sie stricke aus Leidenschaft, schon als kleines Mädchen. Man könne dabei gut über etwas nachdenken oder einfach vor sich hin träumen, und hinterher habe man etwas Schönes für sich oder als Geschenk für jemanden, den man gern habe. Sie heisse Katja, käme gerade von Mailand, wo sie für ein Modelabel die nächste Fashion Week vorbereite. Im Zug hierher habe sie es nicht sein lassen können, ein neues Strickmuster auszuprobieren. Sie habe von einem argentinischen Messeaussteller ein selten schönes, luxuriöses Garn geschenkt erhalten, es sei vom Vikunja, der kleinsten und seltensten Gattung der Kameliden. Die meisten der Tiere leben wild auf rund 5500 m in den Anden. Das Wollvlies eines Tieres werde aus Unter- und Grannenhaaren gewonnen, alle zwei Jahre nur zweihundert Gramm pro Tier. Das Kilo nicht gewaschener Vikunjahaare würde zu 500 Dollar gehandelt, versponnen koste die Wolle irrsinnig viel mehr. Es sei die teuerste legale Naturfaser der Welt. Ein Schal aus Vikunjawolle koste gut 1'500 Euro, Mäntel ein Vermögen. Sie stricke daraus einen Schal. Die Vikunjawolle sei flauschig weich, auf der Haut richtig sexy, sie verströme eine angenehme, ja märchenhafte Wärme, nach ihrem Gefühl noch eine Klasse besser als Kaschmir. Plötzlich hielt Katja inne mit ihrem Geklapper, schaute verstohlen herüber, hielt ihr Strickwerk an meinen Hals, fragte nur - und? Dann klapperte sie weiter, mir fehlten die Worte. Die flauschige Wärme war noch Stunden danach spürbar. Inzwischen habe ich ein anderes Bild vom Stricken.

8. September 2015


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