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Brunos Tramnotizen – N°28

Es war abends kurz vor acht, der 2er ruckelte am Stadelhofen los in Richtung Tiefenbrunnen, das junge Pärchen vis-à-vis stritt sich schon eine ganze Weile. Die adrett gekleidete Frau schien erzürnt zu sein über ihren Begleiter, es dürfte sich dabei um ihren Vorgesetzten gehandelt haben. Sie beschimpfte ihn als mutlos, er folge bloss dem Herdentrieb, glaube, wenn er das gleiche täte wie alle anderen, sei er auf dem richtigen Weg. Der Mann in modischem Casual look gab sich betont cool, meinte, er profitiere nur von der Weisheit der Vielen. Er könne nicht auf die Meinung Einzelner zählen, er wisse ja nicht, ob die richtig lägen. Er folge der Schwarmintelligenz, das funktioniere immer. Das Musterbeispiel hierfür sei doch Twitter. Spannende Ideen fänden schnell viele Anhänger, Langweiliges verschwinde im Datennirgendwo. Viele Menschen würden gemeinsam die bessere Entscheidung treffen als einer alleine. Die Frau schüttelte den Kopf, korrigierte ihn, er folge nicht der Schwarmintelligenz, er folge der Schwarmdummheit, zu diesem Thema habe sogar ein Forscherteam der ETH Zürich eine Studie gemacht. Das Experiment habe gezeigt, dass sozialer Einfluss die Vielfalt an Meinungen zwar verringere, nicht jedoch die kollektiven Denkfehler. Ja-ja, meinte ihr Begleiter und schwieg. Ja-ja, erwiderte sie schnippisch, erinnerte ihn an seinen letzten Fehlentscheid vor der Eurokrise, da habe sie ihn auch gewarnt, er folge blind dem Herdentrieb direkt ins Verderben. Der Mann hob die Augenbrauen, meinte belehrend, wenn Menschen sehen, wie andere denken und entscheiden, würden sich anfänglich verschiedene Meinungen angleichen, ein so zustande gekommener Konsens könne doch nur gut sein, das geschehe täglich, in der Politik, Wirtschaft und überall, wo man zusammensitze und diskutiere. Die Frau seufzte und fiel ihm ins Wort, sich an der Mehrheit zu orientieren sei nicht automatisch gut, es sei wichtig, ein Meinungsspektrum zu kultivieren und nicht gleich auf einen Konsens einzugehen. Menschen, die ihre Meinung immer den anderen angleichen, folgen nur dem Herdentrieb. Diese Herdenweisheit könne nicht gut sein. Um von der Weisheit der Vielen zu profitieren, wie er das nenne, müsse jeder Einzelne seine eigene Meinung abgeben, und zwar ohne vorher zu wissen, was andere denken. Der Mann schwieg eine ganze Weile, sagte schliesslich, sie möge ja recht haben, er werde die ganze Sache überdenken und mit ihr nochmals morgen vor der Konferenz darüber sprechen. Ich hatte meine Freude an der Streitkultur der beiden und die Frau gefiel mir ganz besonders, wie sie mit Beharrlichkeit gegen mutlose Ansichten motzte. Wir sollten mehr solche Frauen haben!

31. August 2015


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