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Kreis 8 zu Besuch bei Urs Ledermann

Urs Ledermann: «In Zürich vermisse ich das Lachen von Amsterdam und Kopenhagen»

Man kennt Urs Ledermann als «Immobilien Tycoon». Als «Seefelder». Als «den Mann, der massgeblich daran beteiligt war, das Seefeld vor Jahren bereits in eine andere Zeit zu führen». Als disziplinierten Geschäftsmann mit Visionen und Durchsetzungsvermögen. Als Kunstliebhaber und Ästhet. Und als Mann mit Stil, der Wert auf Höflichkeit legt. Wer, oder besser «wie», ist Urs Ledermann wirklich? Fragen, als thematische Stichworte formuliert, geben Antwort. Im Rahmen eines höflichen, herzlichen, sehr offenen Gesprächs.

Text: Andreas Finke - freischaffender Redaktor

Wer ist Urs Ledermann?

Wer bin ich? Eine gute Frage. Ich bin ein verheirateter Mann. Meine Frau ist Italienerin, sehr prägend. Drei Töchter. Sie sind mir sehr wichtig. Ich fühle mich sehr wohl in diesem «Frauenhaus» leben zu dürfen. Beruflich, unternehmerisch tätig, bin ich seit 40 Jahren. In der spannenden Immobilienbranche. Wohlfühlen ist eine Grundvoraussetzung. Ebenso die Freude an der Arbeit. Beides lebe ich.

Seefeld für mich bedeutet?

Erinnerungen von Kindheit an. Ich bin in Zollikon aufgewachsen. Mit dem Seefeld verband ich einiges. Meine damalige Freundin und heutige Ehefrau, die im Seefeld lebte. Sport. Das Jungendtreffen in Zollikon und im Seefeld, die Spritztouren mit dem Töffli durch die Badi Tiefenbrunnen. Meine Frau aber hat mir die Augen für das Seefeld wirklich geöffnet. Sie ist «echte» Seefelderin.

Wann ist Ihre Vision «Seefeld» geboren?

Das Seefeld war mir immer «nahe», auch im übertragenen Sinne. Die erste gemeinsame Wohnung mit meiner Frau war im Seefeld. Sie arbeitete auch im Seefeld. Es kam damals aber auch zu unangenehmen Situationen, das Seefeld war nicht nur romantisch und ruhig. Meine Frau wurde ständig auf sehr unangenehme Art angesprochen. Für Frauen war das Seefeld grundsätzlich teilweise schwierig. Es gab den Strich, auch den «Maitli» und Drogen-Strich, Freier und Leute aus allen Kantonen fuhren deswegen durch das Seefeld – es wurde untragbar und auch gefährlich. Der erste Gedanke, hier tätig zu werden kam Anfangs der 80er Jahre. Meine Frau gab sogar die Anregung und unterstützte mich sehr.

Wir müssen kurz zurückfragen. Das Seefeld vor 40 Jahren war also geprägt von Prostitution und Drogen?

Genau. Ich habe es eher als graues, fast tristes Quartier empfunden und in Erinnerung. Viele Bewohner sind weggezogen, Leute haben aufgegeben. Man hat es gespürt – eine triste Stimmung. Das Quartier war tatsächlich am Abbröckeln, selbstverschuldet! Dabei war die Lage schon immer grossartig. See, Bellevue, Oper...aber trotzdem grau. Niemand investierte, niemand versuchte das Seefeld zu «renovieren», zu pflegen. Wohnungen waren in einzelne Zimmer zerstückelt. Diverse Mieter mit unterschiedlichsten Berufen, denen der Zustand aber leider oft egal war.

Häuser kaufen, renovieren und aufwerten?

Das erste Haus war in der Fröhlichstrasse, in dem Haus hatte es den sehr bekannten Käseladen «Dettling» sowie Metzgerei «Geiser». Geiser gab das Geschäft auf und Dettling musste wegen Konkurs aufgeben - nicht wegen der Miete (lacht). Die Konkurrenz durch die Supermärkte – Coop und Migros – wurde zu gross. Mit meinem gutem Freund Roland Möhrle habe ich das Haus umgebaut – mein erster Umbau. Ich habe mich wahnsinnig geärgert, wie es in der Branche funktionierte: Termine, Preise, Qualität, Zusagen, die nicht eingehalten wurden – es kostete unglaublich viel Geld und Energie. Umbauten, vor allem an schöneren Häusern, sind grundsätzlich sehr teuer. Aber – mir hat gefallen, was man damit bewirken kann. Alte Nutzungen wiederbeleben, neue Nutzungen finden und gestalten. Eine neue Bedeutung im Quartier schaffen. Dachwohnungen, die vorher Estriche waren, wurden eingebaut, man brachte Komfort in die Struktur dank Lift, neuem Anstrich, Böden, Heizungen. Zum Schluss ist ein schönes Werk entstanden. Wie oft dachte ich, ich würde selbst gerne dort einziehen. Die damals graue Stimmung hat durch den Umbau erste Farbtupfer bekommen. Die Wirkung war gross, da an sich die Nachfrage bestand. So hat es angefangen, aber ich dachte nicht, dass ich weitermachen kann. Es war sehr nervenaufreibend. Roland schätzte mich aber richtig ein. Ich bin fast süchtig danach geworden. Er meinte «Es het dich packt» (lacht).

Wieviel Projekte wurden im Seefeld realisiert?

Ungefähr 60 - 70. Mit den Häusern ausserhalb des Seefelds, und der Region Zürich, insgesamt weit über hundert.

Was halten Sie vom Begriff «Seefeldisierung»?

Im Seefeld hat die «Seefeldisierung» schon vor 130 Jahren angefangen, als es von der Stadt aus mit dem Rösslitram verbunden wurde. Dies eröffnete neues Potential. Wenn man durch Seefeld spaziert, merkt man, dass es ein hochpositioniertes Quartier ist. Bodenständige Bürger und Handwerker zogen ins Seefeld. Es gibt überwiegend Bürgerwohnungen, weniger Arbeiterwohnungen. Auch das Handwerk kam, kleine Industrie. Man hat seinen Betrieb aufgebaut und oft im Hof gearbeitet. Dies trug zu der schönen Struktur bei. Man war stolz auf die Häuser, die man sich erbaute. Dann kamen andere Zeiten, fast der Untergang. Wie ich erwähnte, der Strich und entsprechendes Publikum ist "eingezogen". Wir wollten wieder «e guets Wohna» im Seefeld, daher wurden wir tätig.

Worauf sind Sie besonders stolz? Razzia, Kirchenweg, Haus Flora?

«Die Gesamtheit.» Stolz bin ich auch, dass ein starkes Team am Werk ist und das Geschäft unabhängig von mir, weitergeführt werden kann. Ich habe vier Partner.  Auch drei Familienmitglieder sind dabei. Sie sind jung und sollen in Zukunft Verantwortung übernehmen. Hunderte von glücklichen Mietern machen mich froh und stolz. Sie sind selbst stolz hier leben und arbeiten zu dürfen. Was möchte man mehr? Wir befolgen immer das Motto: «Wenn man eine renovierte Wohnung betritt, sollte man selbst begeistert sein.» Auch bin ich stolz auf einen kleinen Beitrag von uns, dass das Seefeld aus dem Elend wieder herausgekommen und wieder lebenswert ist.

Vor ein paar Jahren war eine Art Rückentwicklung spürbar. Der Strich begann wieder, man musste Security einstellen.

Richtig. Ich fuhr mit meiner Frau nach Hause Richtung Zollikon, es war 23 Uhr. Wir fuhren über die Brücke am Ortsausgang und wir sahen gewisse «Damen». Wir merkten, dass sie «anschaffen» und konnten es fast nicht glauben. Daher habe ich gekehrt (lacht). Ein Déjà-Vu. Ich erkundigte mich bei der Stadt nach dem «Strichplan Zürich». Das Seefeld war tatsächlich eingetragen. Beat Meyerstein, von der gegenüberliegenden Waschanlage,  und ich haben uns entschlossen, auch im eigenen Interesse und Schutz, eine Vereinbarung mit einem Schutzdienst zu treffen, auch um diese Frauen zu «bewachen» und zu schützen. Als Nebeneffekt waren die «Damen» nicht mehr so begehrt. Meine Frau hatte natürlich grosse Angst, solche Organisationen sind nicht zu unterschätzen, man sieht es am Beispiel  Sihlstrasse. Es geht schnell, es ist ein Business – Wohnwagen unter die Brücke und los. Man legt sich  hier aber mit Menschen an, die nicht die freundlichsten sind. Gelinde gesagt. Der Aufwand hat ein Vermögen gekostet, es gab aber keine Diskussion mit Beat: Wir haben 50/50 gezahlt und waren erfolgreich. Bei der Revision der Strichpläne war das Seefeld wieder gestrichen. «Soll nüme passiere, hoff ich.»

Urs Ledermann

Wie stehen Sie zu Ihrem Spitznamen «Mr. Seefeld», – schmeichelt es Ihnen?

«Nei, gar nöd.» Ich liebe das Quartier und es war einfach nötig etwas zu unternehmen.

Was halten Sie vom Projekt der ZKB-Gondel?

Das ist ein Jubiläumsgeschenk der ZKB für das  150-Jahr Jubiläum. Grundsätzlich sicher eine gute Initiative – man sollte solche Sachen in Angriff nehmen. Ich sprach mit den Verantwortlichen. Es gibt vielseitige Geschichten und Aspekte. Ich möchte es nicht werten. Historisch hatte etwas Ähnliches etwas bewirkt und uns damals stolz gemacht.

Bewirkt es etwas ein drittes Mal?

Das erste Mal war 1939, das zweite Mal in den 60er Jahren. Solche Projekte können etwas Grösseres bewirken für die Stadt, was auch das Ziel der ZKB ist. Wir haben mit dem Projekt zu tun gehabt, da ich im Förderverein der Sukkulenten-Sammlung bin. Wenn man schon die Sukkulentensammlung umgestaltet und in die Neuzeit führt, könnte man etwas Grösseres daraus machen. Einen Seepark. Parkplätze muss man etwas reduzieren und regeln. Es ist ein schöner Park, nur herrscht im Moment etwas Chaos – Wohnmobile, Camper. Auch eine Fähre wäre eine Option, da das «Bähnli» nicht für alle, ich denke an Kinderwägen, optimal scheint. Die ganze Anlage soll für die nächste Generation attraktiv bleiben. Ich denke an meine Enkelinnen, die das hoffentlich noch in vielen Jahren geniessen können. Der Verkehr wäre noch eine offene Frage, hier wird sich noch viel verändern. Auch um den Bürkli Platz, der doch sehr belastet, gar überlastet, ist – Velos, Fussgänger, Trams, Autos.

Wie sieht Ihre Work-Life-Balance aus? Familie? Haben Sie einen Kraftort im Kreis 8?

«Scho dahei.» Die Familie. Sie hat Priorität und ist das Einzige was wirklich bleibt. Momente mit den Enkelkindern  kann man nicht toppen, auch nicht mit viel Geld. Ich reise viel, lebe an unterschiedlichen Orten. Teilweise auch in Italien, im Engadin, in Amerika. Das Tagesgeschäft konnte ich an meine Partner und einem grossartigen Team übergeben. Andererseits empfinde ich meine Arbeit nicht als Aufgabe, ich mache es einfach gerne.

Ist das eventuell auf Ihre Frau, die Italienerin ist, zurückzuführen?

Absolut. Sie ist die tragende Säule dahinter.

Was fehlt Ihnen im Seefeld - was könnte das Quartier noch bereichern?

Es fehlt an und für sich nichts. Man muss aber aufpassen. Die Vielfalt der Läden muss bewahrt werden. Den Online-Handel und die Grossverteiler immer im Auge behalten. Der Kontakt muss, wie in jedem Quartier, bewahrt und gefördert werden. So ist man integriert. Das Dorfleben im Quartier darf nicht anonym werden. Ein Käseladen kann ohne Kunden nicht existieren. Ohne diese Läden würde viel Wertvolles verloren gehen. Die Miete muss dabei stimmen. Und der Mix macht es auch. Nicht nur Kleiderläden die man nicht täglich besucht. Bäckereien, Cafes... das ist tägliches Leben. Andererseits erschlagen uns die einengenden Vorschriften seitens der Behörden und erlauben wenig Raum für Spontanes oder Kleines.

Was sehen Sie als Hot-Spots im Quartier, was trägt zum Dorfcharakter bei. Anders gefragt: Was würden Sie einem Tourist aus dem Ausland zeigen?

Das Seefeld ist ein Gesamtwerk. Vom Bellevue bis mitten ins Quartier. All die schönen Bauten. Das  Quartier wird vom See begleitet. Auch das Tobel, der Wald – schön, das zu haben. Es gibt wunderschöne Strassen, so zum Beispiel die Mainaustrasse. Restaurants, Cafés. Einen Tourist würde ich daher auf einen Spaziergang einladen.  Ich würde mit ihm durch die Pärke spazieren. Einmalig, auch bei Regen. Im Winter baden noch Leute, der Park ist Kunst und im Winter fast noch schöner: «Seele bambele lah.»

Kreis 8 heisst Seefeld. Was ist mit dem Mühlebachquartier? Was würden Sie hervorheben?

Für mich ist Kreis 8 Riesbach. Man kann viel hervorheben, so auch den Friedhof  – links und rechts der Forchstrasse. Dort gibt es auch diese kleine Raclette-Stube. Man ist in einer anderen Welt. Weiter unten dann, der Confiseur Baumann. Auch die Dichte in der Gesundheitsversorgung hat einen grossen Vorteil. Hirslanden, Schulthess, psychiatrische Klinik, Kinderspital. Zudem bieten sie unglaublich viele gute Arbeitsplätze. Die Anbindung an die ÖV funktioniert, man ist sofort überall, das Seefeld ist auch sehr für Velofahrer geeignet. An sich also eine perfekte Infrastruktur. Aber: Es fehlt das Lachen von Kopenhagen oder Amsterdam! Man könnte etwas leichter und freundlicher durch die Stadt gehen. Auch durchs Seefeld. Die Unfreundlichkeit und Aggression von Verkehrsteilnehmern, Autofahrer, Velofahrer, Fussgängern ist sehr bedauerlich.

Abschliessend?

Wichtig ist, dass die Leute sich engagieren und etwas bewirken.

Das macht der Kreis einzigartig.

Die Gratwanderung muss man beherrschen. In einer Stadt braucht es mehr Toleranz um Platz zu schaffen für eine gute Art der Belebung. Es gibt Menschen, die sehr voreingenommen sind. Man sollte keine Angst vor Restaurants mit Musik haben. Das ist Leben. Im Bohemia wurde kürzlich bis Mitternacht Jazz gespielt. Weltklasse. Kein Mensch hatte das Gefühl, dass zu viel Lärm gemacht wird. Am wichtigsten ist Toleranz.

Ist es ein Dilemma? Das Seefeld soll leben – andererseits zahlt man viel Miete um Ruhe zu finden?

Beides ist möglich. In der Seefeldstrasse gibt es Trams und Autos vor dem Haus, dabei ist zu Fuss alles zu machen. Ein paar Strassen weiter ist es jedoch komplett ruhig. Man muss bewusst wählen wo man wohnt. Lebensart und -freude muss gelebt werden. Ruhige Orte gibt es ebenfalls genügend. Im Gegensatz ist der Sechseläutenplatz ein sehr aktiv und belebt. Und etwas weiter hinten, ist es ruhig und man kann die eigene Terrasse geniessen.

Eine schöne Lösung, das Seefeld. Nicht?

März 2020


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