Das Online-Magazin
«Der Kreis 8 hat vieles zu bieten - überzeugen Sie sich selbst!»
Das Online-Magazin
«Der Kreis 8 hat vieles zu bieten
überzeugen Sie sich selbst!»

«TramMomente» erzählt Geschichten aus dem Alltag

Die Angst vor dem ersten Satz

Der junge Mann im Anzug sitzt am Fenster des 11ers. Sein Blick geht nach draussen, suchend, fast flehend. Eine Träne löst sich und läuft ihm über die Wange. Er wischt sie nicht weg. Neben ihm sitzt eine Frau. Sie legt behutsam ihre Hand auf sein Knie und sagt leise, dass das schon gut komme. Er ist etwa fünfundzwanzig, sportlich, gepflegt. Einer, bei dem man nicht erwartet, dass er weint. Und doch wiederholt er immer wieder denselben Satz: Er wisse einfach nicht, wie er es seinen Eltern sagen solle.

Am Wochenende würden er und Raffael nach Davos fahren, in die Ferienwohnung seiner Eltern. Sie wüssten, dass er etwas mitteilen wolle. Aber ihm fehlten die Worte. Je länger er spricht, desto brüchiger wird seine Stimme. Die Tränen kommen jetzt schneller. Die Frau rückt näher, lehnt den Kopf an seine Schulter, drückt seine Hand fest. Sie sagt, er sei doch sonst nicht so. Gescheit, offen, immer gut gelaunt. Genau so solle er auch jetzt sein. Ehrlich. Offenherzig.

Er versucht ruhiger zu atmen.

Sie erinnert ihn daran, dass er es schon so oft habe sagen wollen. Zu Ostern. Zu seinem Geburtstag im Sommer. Im Herbst, als sich die ganze Familie bei den Grosseltern getroffen habe. Jedes Mal sei Raffael dabei gewesen. Alle wüssten, dass sie unzertrennlich seien. Und im Sommer würden sie ohnehin zusammenziehen. Jetzt sei der richtige Moment. Er wischt sich mit dem Handrücken übers Gesicht, schaut sie an und nickt. Er habe einfach Angst, seine Eltern zu verletzen. Sie lacht leise. Das sei Unsinn. Seine Eltern seien offen, aufmerksam, nicht dumm. Sie wüssten es längst. Und sie hätten ihn gern. Sehr sogar.

Ein Moment Stille. Dann holt er tief Luft. «Ja», sagt er. «Ich mache es.»

Am Stadelhofen steigen beide aus. Die Frau umarmt ihn, gibt ihm einen Kuss auf die Wange und sagt, das sei das Beste, was er tun könne. Das Tram fährt weiter.

Manchmal finden sich die richtigen Worte nicht sofort. Manchmal brauchen sie eine kurze Fahrt, eine ruhige Stimme und jemanden, der einfach da ist.

26. Januar 2026
#tramMomente003


Trammomente Hauptseite


Zürich Kreis 8 NewsletterX

Um informiert zu bleiben und regelmässige Updates zu erhalten, können Sie unseren Newsletter hier abonnieren - kostenlos und unverbindlich.