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Begegnet im SERGE, Seefeldstrasse 202

Luise Pomykaj: «Suburban Nightmare? Niemals»

Es war nur ein kleiner Praktikantenlohn, aber er reichte aus für die WG im Seefeld, die ich mit meiner besten Freundin bezog. Wir hüteten die Wohnung zweier Studentinnen, die ein Auslandsjahr absolvierten. Und mehr brauchten wir nicht.  
 
Morgens auf dem Weg zur Arbeit auf der Quaibrücke bewunderte ich das lockende Glitzern auf der Wasseroberfläche, das sanfte Schaukeln der Segelboote – als bereiteten sie sich mit einem Schläfchen auf die nächste Wochenend-Session mit ihren Besitzern vor und die Golden Hour in der Badi Utoquai. Am Wochenende schlappte ich im Sommerkleidchen und mit dem Badetuch unter dem Arm geklemmt die Kreuzstrasse herunter, nickte den UtoquaiLadies auf ihren Stammplätzen zu und sah den Wasserflecken-Fussabdrücken auf den Holzplanken beim Trocknen zu, bis ich wieder neue setzte.  
 
Als der Lohn wegen all der Sommerkleidchen und der Gläser Utoquai-Rosé doch knapp wurde, stiegen meine Freundin und ich aus Liebe zum Seefeld auf Nudeln mit Tomatensauce um und liessen in das dritte WG-Zimmer einen Physik-und-Mathematik-Studenten der ETH einziehen. An dieser Stelle möchte ich mich bei ihm dafür entschuldigen, dass wir ihn eines Morgens versehentlich in der Wohnung einschlossen – vor lauter Geplapper und Vorfreude auf den täglichen Arbeitsweg hatten wir ihn ganz vergessen. Hauptsache die WG im Seefeld blieb bestehen.  
 
Ich wurde in diesem Jahr erwachsen, der Lohn auch, doch die zwei Wohnungsbesitzerinnen kehrten aus ihrem Auslandsjahr zurück und wir mussten das Seefeld schweren Herzens verlassen. Zu diesem Zeitpunkt verliebte ich mich in einen 8001er und führte wegen meines neuen Wohnorts fortan eine Fernbeziehung: Wir lebten ganze 20 Minuten voneinander entfernt. So konnte es nicht weitergehen.  

 So kam es, dass ich mit ihm zusammen in mein geliebtes Seefeld zurückkehrte. Noch vor dem Einzug in das Haus in der Mühlebachstrasse lud uns die Eigentümerin zu einem Gartenfest mit allen Nachbarn ein. Die familiäre Herzlichkeit untereinander, die Gespräche von Balkon zu Balkon, die Ostereier vor der Wohnungstür und ausgeliehenen Ping Pong Schläger – all das könnte den Begriff «Zuhause» nicht besser beschreiben. Eine der Utoquai-Ladies ist nun meine Nachbarin, die Party-Kompagnons der Praktikanten-Vergangenheit trifft man im Supermarkt am Kreuzplatz, im Park der Villa Bleuler und im Haushaltswarengeschäft Blattner auf der Seefeldstrasse wieder.  
 
Dass Freunde aus Mailand und Paris dies alles als Suburban Nightmare beschrieben, mussten sie kurze Zeit später wieder zurücknehmen: Zu urban die Menschenansammlungen an der Pumpstation, ganz schön international die Gäste auf der Gartenparty im Nachbarhaus und dann dieser «Weite Welt»-Blick vom Pfannenstiel, den man mit dem Rennvelo vom Seefeld in weniger als einer Stunde erreicht.  
 
Wenn ich einen klaren Kopf brauche, spaziere ich die Zollikerstrasse entlang zum Botanischen Garten, wenn ich Fernweh habe, kauft mein Liebster ein paar Chipirons und brät sie scharf in der Pfanne. Mein Büro ist das Monocle Café an der Dufourstrasse, das grosse Tennismatch schaue ich im Grasshopper-Club und an Weihnachten hüpfe ich selbst – zur Oper um die Ecke und schaue Nussknacker und Mäusekönig. Grosses Ballett, statt Nudeln mit Tomatensauce.  
 
Ja, ich bin erwachsen geworden. Aber das Seefeld wird nie alt.

Text: Luise Pomykaj

Mai 2020


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