Abschied von einer Perle - nach 12 Jahren ist Schluss!
Wenn ein Stück Quartiergeschichte weiterzieht: FROHSINN sagt dem Seefeld leise Adieu
Manche Läden sind mehr als Verkaufsflächen. Sie sind Bühne, Begegnungsort, Ideenschmiede - und an grauen Tagen ein kleines Stück Licht. «FROHSINN» war so ein Ort. Nun hat Inhaberin Claudia Silberschmidt entschieden, den Flagshipstore im April - rund um den zwölften Geburtstag des Shops - zu schliessen. Kein lauter Abgang, kein dramatischer Schlussverkauf, sondern eine ruhige, strategische Weiterentwicklung. Ein Entscheid mit einem weinenden Auge - und mit klarem Blick nach vorne.
Text: Zoran Bozanic
Mehr als ein Concept Store
«FROHSINN» verkörperte weit mehr als nur ein Sortiment. Der Store war kuratiert wie ein persönliches Tagebuch: hochwertige, charakterstarke Eigenkollektionen, liebevoll ausgewählte Vintage-Trouvaillen, stylische Alltagshelfer, besondere Geschenke, Zürcher Souvenirs mit Haltung statt Kitsch. Dinge, die man nicht brauchte - bis man sie sah. Und dann nicht mehr missen wollte.
Claudia hat 2024 ihr ganzes Herzblut in die komplette Renovation des Ladens gesteckt. Neue Gestaltung, frische Atmosphäre, jedes Detail bedacht - alles, um den Store noch attraktiver und einladender zu machen. Doch trotz dieses enormen Einsatzes zeigte sich: Die strukturellen Herausforderungen - die begrenzte Frequenz im Quartier und das veränderte Kaufverhalten - liessen sich damit nicht überwinden.
Die Handschrift des Ladens blieb unverkennbar. Detailverliebt, eigenständig, mit einem Gespür für Ästhetik jenseits kurzlebiger Trends. Wer den Laden betrat, spürte sofort: Hier geht es nicht um Masse, sondern um Stilbewusstsein und Charakter.
Der Wandel im Quartier – und in unseren Gewohnheiten
Dass sich der stationäre Detailhandel massiv verändert hat, ist keine abstrakte Marktanalyse, sondern sichtbare Realität. Kaufverhalten wandert online, Preisvergleiche sind nur einen Klick entfernt, Bequemlichkeit wird zum entscheidenden Faktor. Gleichzeitig steigen Mieten, Kosten, Erwartungen.
Und während viele lautstark nach «mehr kleinen, unabhängigen Quartierläden» rufen, gehen viele Einkäufe doch wieder an stärker frequentierte Standorte oder in den Online-Shop. Die Realität ist spürbar: Selbst sehr sorgfältig geführte Läden wie «FROHSINN» stehen dadurch unter Druck.
Auch das Strassenbild verändert sich. Wo einst individuelle Boutiquen, Spezialgeschäfte oder inhabergeführte Läden waren, ziehen heute vermehrt Yoga-Studios, Fitnessanbieter oder Nagelstudios ein. Für die Vielfalt des Quartiers - und für unabhängige Läden - ist das eine harte Realität.
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Ein bewusster Schritt nach vorne
Für Claudia Silberschmidt ist die Schliessung kein Rückzug, sondern eine Fokussierung: «Diese Entscheidung ist kein Abschied von FROHSINN, sondern Teil einer vorausschauenden Weiterentwicklung. Die Rahmenbedingungen im stationären Handel haben sich stark verändert. Um FROHSINN als unabhängige Marke langfristig gesund und beweglich zu halten, bündeln wir unsere Kräfte künftig dort, wo sie ihre volle Wirkung entfalten - in unserer eigenen Handschrift.»
Der Fokus liegt neu auf den eigenen Kollektionen und ausgewählten Vintage-Trouvaillen. Der Onlineshop wird zum zentralen Vertriebskanal. Eine strategische Konzentration - mit dem Ziel, Identität und Unabhängigkeit zu sichern. Bis zur Schliessung werden internationale Brands zu Spezialpreisen angeboten - eine letzte Gelegenheit zum Stöbern, Entdecken, vielleicht auch zum bewussten Unterstützen.
Der Zeitgeist: Yoga-, Fitness- und Nagelstudios
Mit «FROHSINN» verliert das Seefeld einen Laden, der inspiriert, überrascht und einfach Freude gemacht hat. Für mich persönlich war der Store immer mehr als eine Einkaufsadresse - es war ein Ort, an dem man Neues entdecken konnte, sich beraten fühlte und die besondere Handschrift spürte.
Gleichzeitig zeigt die Schliessung die Realität: Selbst ein so liebevoll geführter Laden kommt hier an seine Grenzen. Die Frequenz im Quartier ist begrenzt, die Menschen gehen zunehmend an andere Standorte oder online, und das Strassenbild verändert sich. Yoga-, Fitness- und Nagelstudios prägen inzwischen das Bild - für unabhängige Läden wie FROHSINN ist das eine harte Realität.
FROHSINN ist nicht verschwunden. Die Marke lebt weiter, konzentriert sich auf ihre Eigenkollektionen und den Onlineshop. Der Laden war ein Stück Seefeld, das jetzt fehlt - und das spürt man.
FROHSINN hat das Seefeld mit Stil und Eigenständigkeit bereichert, und genau das werden wir vermissen.
Februar 2026

