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Begegnet

Roger Müller zum Apéro im Restaurant Fischstube

«Meine Seefelder Zeit begann fast exakt vor 25 Jahren, als ich im Oktober 91 meine erste eigene Wohung an der Seegartenstrasse bezog. Ich war sehr glücklich, denn die günstige Jugendstilwohnung war für einen Studenten ein wahrer Glücksfall. Einige Tage nach dem Bezug - es war spät abends und ich lag mit einem Buch im Bett - klopfte es an meiner Haustür. Als ich öffnete, stand da ein ca. 60 jähriger Mann mit silbergrauen Haaren und Hornbrille. Es war der Nachbar, der in einer sehr kleinen Wohnung neben mir wohnte. Der freundliche Herr hatte viel Humor und wollte Bekanntschaft mit mir machen. Es blieb aber nicht bei diesem ersten Gespräch. Schon wenige Tage später klopfte es des nachts wieder an meiner Tür. Ich wusste anfänglich nicht, ob ich es vielleicht mit einem «Spinner» zu tun hatte. Aber seine vielen Geschichten amüsierten mich. Zudem stellte ich schnell fest, dass er äusserst belesen war.

Aus den ersten nächtlichen Begegnungen entstand schon bald eine nachbarliche Freundschaft. Mit der Zeit erfuhr ich etwas von seiner Lebensgeschichte: Auch er begann einst - wie ich - ein Jus-Studium, musste dieses aber wegen gesundheitlichen Problemen abbrechen. Seinen Lebensunterhalt verdiente er sich später - mehr schlecht als recht - als Übersetzer für verschiedene Verlage. Mit 60 Jahren war er ein Sozialfall. Wie es schien, verbrachte dieser Herr sein Leben vor allem mit Lesen. Später bekam ich einmal Eintritt in seine kleine «Bude», die übersät war von Büchern. Es war beeindruckend, wie er aus allen Klassikern der Literatur zitieren konnte. Durch ihn wurde ich in die Welt der Literatur eingeführt und begann alles mögliche zu lesen. Ich absolvierte an der Seegartenstrasse sozusagen ein Zweitstudium in Literatur. Oft spielten wir des Nachts Schach und sprachen dabei über alles Mögliche. Es waren unvergessliche Stunden für mich. Sein Lieblingsautor war der österreichische Satyriker Karl Kraus, von dem er die gesamten Werke in einer schönen Sammelausgabe besass.

Roger Müller

Die Zeit an der Seegartenstrasse hatte mit meinem Studiumsabschluss ein Ende - ich zog in eine grössere Wohnung am Blumenweg. Der Kontakt zu meinem ehemaligen Nachbar hielt ich zwar eine Zeit lang noch aufrecht, doch irgendwann verloren wir uns aus den Augen...

Vor zwei Jahren betrat ich ein Antiquariat an der Seefeldstrasse. Beim Eingang fiel mir sofort ein riesiger Stapel von Büchern auf: es handelte sich um die Gesamtausgabe der Werke von Karl Kraus. Ich realisierte sofort, dass es sich dabei um die Ausgabe meines Nachbarn handelte. Als mir der Antiquar erzählte, dass eine ältere Dame diese Werke vor einiger Zeit gebracht hätte, überkam mich eine Traurigkeit. Die Gesamtausgabe habe ich gekauft und sie hat heute in meiner Bibliothek einen Ehrenplatz.»

September 2016


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