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Der Erfinder aus dem Seefeld - Interview mit Peter Hürlimann, Gründer des «Kino am See»

Peter Hürlimann war Kameramann, wurde Verleiher, dann Entwickler von Filmequipment und kreierte das Print@home-System für sein Unternehmen starticket. Vor allem aber gründete er das «Kino am See» und exportierte die Idee des Open-Air-Kinos in alle Welt. Peter Hürlimann ist nun schon seit 15 Jahren privat im Seefeld zuhause. Er lebt in einem grossen Haus mit kleinem Park. Vor 26 Jahren brachte er als Open Air-Pionier das «Kino am See» ins Seefeld. Bis zum heutigen Tag der grösste Event, den es im Seefeld gibt. Am Anfang waren die Widerstände enorm. Vor allem der Quartierverein hat sich mit Händen und Füssen gegen den Grossanlass gewehrt.

Fragt man Peter Hürlimann, was ihn antreibe, so sagt er: «Gegen alle Widerstände ankämpfen, das hat mich schon immer gereizt. Die ersten paar Jahre musste ich wie verrückt für meine Vision kämpfen. Dank der damaligen Stadträtin und Vorsteherin des Tiefbauamtes, Katrin Martelli, beruhigte sich die Situation.»

Smart sieht er aus, ein Lächeln liegt auf seinem Gesicht, wenn man ihm begegnet, wenn man mit ihm spricht. Graumelierte, nicht zu kurze Haare, ein Kleidungsstil, der ungezwungen zeitlos ist, Sportschuhe, Jeans, weisses Hemd. Hürlimann wirkt unangestrengt jugendlich, trotz seiner 64 Jahre.

Wenn er vom Kino am See spricht – das er stets so nennt – dann erzählt er bald von den Anfängen. «So etwas macht man in Italien», hätten ihm Firmen beschieden, die er damals um Unterstützung bat. Die Kinobesitzer wollten seinem Projekt nur zustimmen, wenn sie 20 Prozent der Eintritte erhielten; ohne ihr Einverständnis hätte er keine Filme erhalten. Und der Kanton erteilte die Bewilligung nur, wenn die Leinwand tagsüber weggeräumt würde, damit der Blick vom Zürichhorn auf See und Alpen frei bliebe.

Peter Hürlimann

Diese Widerstände elektrisieren Hürlimann heute noch, wenn er davon spricht. Und die Genugtuung, dass er sie hat überwinden können, zaubert ein Lächeln auf sein Gesicht. Aus der amtlichen Anordnung, den Spazier- und Müssiggängern am Zürichhorn tagsüber die Aussicht ja nicht zu versperren, hat er mit seinen Leuten die Klappleinwand entwickelt. Zunächst als simples Prinzip, bei dem die Wand an Ketten hochgezogen wurde. Dann die Entwicklung einer hydraulischen, also mit Stangen bewegten Leinwand. Die Idee des Open-Air-Kinos und die Hardware dazu sind um die Welt gegangen, haben alle Kontinente erreicht.

«In Moskau sah ich Pläne für ein riesiges Open-Air-Kino, das wie ein Kino ohne Dach war. Das hat mich beeindruckt», sagt er. 1984 stellte er ein Open-Air-Kino auf dem Bürkliplatz auf die Beine, als Teil der Abstimmungskampagne für eine städtische Filmförderung (die dann abgelehnt wurde). Damit war die Idee fürs Kino am See geboren.

Wie bei jeder erfolgreichen Erfindung erheben auch in diesem Fall andere Anspruch auf die Idee: Ein Filmfan mit eigenem Projektor zum Beispiel, der vor dem Abstimmungs-Open-Air auf Hürlimann zugegangen war und dessen Projektor dann dort auch zum Einsatz kam. Als das Kino am See Wirklichkeit geworden war, beschwerte sich der Mann bei der Stadt und verlangte als angeblicher Erfinder an Hürlimanns Stelle eine Bewilligung, erfolglos.

«Das Kino am See war meine Idee.» Der dies sagt, ist natürlich Roger Schawinski. Begeistert von den Vorführungen auf der Piazza Grande in Locarno habe er zusammen mit Jean-Pierre Hoby, dem langjährigen städtischen Kulturchef, das Seeufer nach einem geeigneten Ort abgeschritten – und diesen gefunden, nämlich da, wo das Kino am See heute ist. Daraufhin habe er Hürlimann kontaktiert, sagt Schawinski, der damals auch Filmverleiher und Kinobesitzer war, und Radio 24 wurde der erste Mediensponsor. Hoby bestätigt die gemeinsame Rekognoszierung. Wie es dann genau weiterging, weiss er nicht mehr. Klar ist für ihn aber: «Ich hielt die schützende Hand über Hürlimann. Die Stadt übernahm das Patronat. Sonst hätte es nicht geklappt.»«Ohne Hoby hätten wir die Bewilligung nicht erhalten», bestätigt Hürlimann Hobys Rolle. Was Schawinski betrifft, so hält er fest, dass ihn dieser bei seinem Vorhaben unterstützt habe, die Idee aber seine gewesen sei.

Und weil Erfolg das beste Erfolgsargument ist, bekundete die Zigarettenfirma Philip Morris per Expressbrief ihr Interesse, das Kino ab dem zweiten Jahr sponsern zu dürfen. Hürlimann war das mehr als recht – zwei Drittel der Einnahmen aus den Eintritten musste er an die Filmverleiher, die Kinobetreiber und den Staat (damals via Billettsteuer) abtreten. Sponsorenbeiträge aber waren von alledem befreit. So kam das Kino zu seinem neuen Namen Philip Morris Open Air Kino, den es bis 1999 behalten sollte; seit 2000 heisst es Orange Cinema. Das Namensrecht eines Anlasses zu verkaufen, war 1990 eine Novität. Für Hürlimann bedeutete es das Ende der Partnerschaft mit Schawinski und dessen Radio 24, weil dieser ein strikter Gegner von Tabakwerbung war und ist. Dazu trug es Hürlimann den Vorwurf ein, ein «Kommerzheini» zu sein. Ein Attribut, das er noch heute zu hören bekommt, und das ihn noch immer ärgert. «Wir bieten den Leuten doch etwas», sagt er. Nie habe man fürs Kino Subventionen verlangt. «Seit 1989 haben wir dreimal das Lautsprechersystem und viermal die Projektoren erneuert. Die Veranstaltung ist wahnsinnig teuer. Erst 2002 haben wir damit Geld verdient.»

Peter Hürlimann und Adrian Erni im Gespräch

Der Einstieg von Philip Morris bedeutete den Anfang der Expansion. Mit der Zigarettenmarke im Rücken wurde das Zürcher Seekino-Konzept in Lugano und in Lausanne wiederholt. Nach einem weiteren Jahr gründeten Hürlimann und Philip Morris auch in Basel und Bern Freiluft-Kinos. Dieser Erfolg löste einen Open-Air-Kino- Boom in der Schweiz aus – und das Ende des Kartells, das die Kinobesitzer vor neuer Konkurrenz schützte. Die Filmverleiher wollten sich das sommerliche Geschäft nicht entgehen lassen und vermieteten ihre Filme nun auch ohne den Segen der Kinobesitzer an die Freiluft-Veranstalter.

Hürlimann schaute sich unterdessen weiter um. Er wollte seine Technik auch im Winterhalbjahr nutzen. Er flog mit einem «roundtrip-ticket» nach Südafrika und Australien. Auf der Südhalbkugel hatte man nicht auf ihn gewartet. In Südafrika wurde er überfallen und ausgeraubt, worauf er ohne Mobiltelefon und Kreditkarte in Australien ankam. Trotzdem schaffte er es, Standort und Partner zu finden: Zum Jahreswechsel 1996/1997 gab es in Sydney erstmals ein Open-Air-Kino. Aber Hürlimann war mit beiden nicht zufrieden. Er wollte den schönsten Standort. Das war, wie er herausfinden sollte, ein Teil des Botanischen Gartens an der Bucht vis-à-vis der berühmten Oper. Weil seine Geschäftsführerin nicht daran glaubte, dass hier ein Kino erlaubt würde, entliess er sie. Melanie Booth, die daraufhin das Projekt managte, erinnert sich, dass die endgültige Bewilligung der Stadt «erst Tage vor dem geplanten Start» 1998 eintraf.

Was ist ein Film ohne Liebe? Nicht geeignet fürs Kino am See. Peter Hürlimann hat hier seine erste Frau kennengelernt, als sie für einen speziellen Abend eine Popcornmaschine lieferte. Und auch seine zweite Frau traf er erstmals am Open-Air-Kino – in Bern, wo sie an der Bar arbeitete. Aber eigentlich will Hürlimann sein Privatleben privat halten. Sein Gesicht ist in den Medien selten zu sehen, und anders als viele Veranstalter tritt er auch kaum je vor sein Publikum. «Ich mache das Kino ja nicht alleine, viele andere Leute sind ebenso wichtig», sagt er. Teamarbeit ist auch die Zusammenstellung des Programms. Filmfans von Cinerent sind dabei, ebenso die Filmkritiker Alex Oberholzer und Wolfram Knorr. «Filme, die letztes Jahr im Kino liefen», lautet seit einigen Jahren der Grundsatz – und keine Filme, die von Gewalt oder depressiven Stimmungen dominiert sind. «Die Lage am See verstärkt alle Emotionen», sagt Hürlimann. Seinen eigenen Filmgeschmack umschreibt er mit «Arthouse-Kino», also Studiofilmen.

Zurück zu Hürlimanns Seefeld. «Ich schätze die Nähe zum Zentrum sehr, ich kann zu Fuss zum Bahnhof Stadelhofen und bin mit den ÖVs optimal mit der Schweiz verbunden. Und auch der Quartiercharakter des Seefelds gefällt mir sehr. Vor allem wenn ich wieder aus dem Ausland zurückkomme. Auch die Multikulti-Gesellschaft macht das Quartier sympathisch. Ich gehe auch gerne in die Beizen im Seefeld, dies hat das Quartier schon stark belebt. Ich werde hier nie mehr wegziehen.»


Text: Adrian Erni und Michael Lütscher (Kultur unter freiem Himmel; 25 Jahre Kino am See Zürich), Januar 2015

Photos: Bon Parinya Wongwannawat


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