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Brunos Tramnotizen – N°101, ... die letzte*

Ob er jetzt wirklich um die halbe Welt reise, nur um eine Geschichte zu schreiben, fragte der jüngere. Ja, kam die knappe Antwort zurück. Wann er wieder zurück sei, bohrte der jüngere nach. Er wisse es noch nicht, antwortete der ältere. Um darüber zu schreiben, wie Menschen in anderen Ländern leben, müsse man doch nicht zwangsläufig dorthin reisen. Die Medien von heute würden ja alles was man dazu wissen müsse, frei Haus liefern. Die beiden Freunde debattierten bereits eine Weile darüber, wie Stories entstehen und geschrieben würden, ob und wie viel davon wahr oder was davon wohl frei erfunden sei. Der jüngere der beiden vertrat die Meinung, dass man vom Schreibtisch aus über jedes Thema eine Story machen könne. Vorausgesetzt man habe ein Basiswissen über das, was man schreibe ...und, dass man allenfalls Fakten überprüfe, die einem zugetragen würden. Wenn man das mit der notwendigen Sorgfalt tue... der ältere lächelte, ja-ja, in Nachrichtenredaktionen würden die meisten Geschichten so gemacht, das gehe auch in Ordnung, er rede aber von Stories, die einem etwas Fremdes näher bringen sollen, es verständlich machen. So eine Story müsse Geschehnisse erzählen können, die beim Lesen spürbar würden, Bilder übermitteln oder noch besser alles wie in einem Film erlebbar machen. Um das authentisch zu beschreiben und als Geschichte zu erzählen, müsse man selber dabei gewesen sein. Der jüngere schüttelte den Kopf, es würde doch reichen, wenn man über ein Thema Fakten zusammentrage und danach mit dem abgleiche, was man schon wisse oder aus eigener Erfahrung kenne. Nochmals, wiederholte der ältere geduldig, wenn man so etwas als Nachricht oder Botschaft weitergebe, sei das durchaus legitim. Das könne aber nicht mit einer guten Geschichte oder einer Reportage verglichen werden, das sei etwas ganz anderes. Zugegeben, meinte der jüngere. Trotzdem, solche Stories seien ja auch nicht immer wahr, man könne sie ebenso zurechtbiegen und schönschreiben. Das könne man, ja, meinte der ältere, täuschen und lügen tun viele. Eine gute Geschichte werde daraus selten. Dafür müsse man auch nicht unbedingt irgendwo hinreisen... er gehe jetzt trotzdem. Eine Geschichte sei erst eine gute Geschichte, wenn man beim Lesen die Umgebung spüre, so als ob man selbst mitten in der Szenerie stünde und die Leute sprechen höre, ihre Mimik vor sich sehe, verstehen würde, wie sie denken und fühlen. Dazu müsse man vor Ort sein, hinschauen und hinhören können. Der jüngere lachte, ob denn alle seine Geschichten wahr gewesen seien, auch die, die er jedes Mal aus dem Tram geschrieben habe. Der ältere lächelte, er sei kein Schreibtischtäter. Ja, er sei dafür Tram gefahren und habe das getan, was er immer tue: genau hinsehen und gut zuhören.

...* Bruno verabschiedet sich nach hundert Tramnotizen aus dem Seefeld und sagt adieu. Einstweilen.

23. Januar 2017


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