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N°4

Der 2er kam vom Bellevue bereits voll am Stadelhofen an, fuhr schliesslich rappelvoll weiter in Richtung Tiefenbrunnen. Neben mir standen eine Frau und ein Mann, beide Mitte dreissig, etwas verlegen und schüchtern. Sie taten als ob sie sich gar nicht kennen würden, die im Gedränge geradezu erzwungene körperliche Nähe schien ihnen allerdings durchaus zu gefallen. Auffallend oft kreuzten sich ihre Blicke, ihre Mimik sprach Bände, auch wenn sie kein Wort austauschten, und wenn sie sich scheinbar unabsichtlich in die Augen sahen, zitterten die Wimpern der Frau und die feuchten Augen des Mannes begannen noch mehr zu glänzen. An der Höschgasse gab es endlich mehr Platz, die beiden standen nun gut einen halben Meter auseinander, sowie zwei Fremde und als ob niemand merken dürfte, dass sie zusammengehören, sie sich mochten. Immer dann, wenn sie verstohlene Blicke austauschten, atmete die Frau merklich fester, ihre Nasenflügel öffneten und schlossen sich wie die Nüstern eines aufgeregten Fohlens, er fuhr sich dann mit zittrigen Händen durch die Haare, kniff die Lippen zusammen, versuchte mit aller Kraft die Beherrschung zu wahren. Die beiden leben in besseren Verhältnissen, das sah man, ihre modischen Kleider waren nicht günstig. Sie trug ein klassisch geschnittenes Deux-Pièce von Max Mara und elegante Pumps von Navyboot, er einen dunklen Anzug von Armani und rahmengenähtes, englisches Schuhwerk. An der vorletzten Haltestelle, der Wildbachstrasse, stiegen alle Fahrgäste aus, die beiden und ich waren alleine. Das Pärchen schaute sich kurz um, meine Anwesenheit schien sie nicht zu kümmern, die Augen der Frau blitzten auf, sie machte den einzigen Schritt, den beide bis anhin trennte, fasste mit ihrer Rechten seine Linke, mit der anderen Hand zog sie den Mann an sich, küsste ihn ganz kurz und schnell, schaute dann eine schiere Ewigkeit tief in seine Augen, liess erst von ihm ab, als der 2er am Tiefenbrunnen hielt. Hand in Hand gingen sie eilig zum Park & Ride. Ich ging zum Kiosk, schaute dem Pärchen nach und dachte, wie schön es wäre, wenn es von solchen Menschen mehr gäbe, wie die beiden Verliebten.

16. März 2015


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