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Brunos Tramnotizen - N°1

Vor lauter Smartphones sah man in der S-Bahn keine Menschen mehr. Ich beschloss am Tiefenbrunnen auszusteigen, das Seefeld bis zum Stadelhofen oberirdisch zu befahren. Das dauert mit dem 2er oder 4er zwar etwas länger, aber es lohnt sich. Man sieht wieder mehr Gesichter, Gesichter, die einem Geschichten erzählen. Ich setzte mich in den 4er, der war zuerst da, würde als erster losfahren. Der Tramführer sog ein letztes Mal an seiner Marlboro, half der ungeschickt daherstöckelnden Frau die zwei Tritte hoch ins Tram, verdrückte sich in sein Kabäuschen. Die Dame wollte sich nicht setzen. Sie sah müde aus, die Frisur hing in Strähnen, das Make-up war bestimmt vierundzwanzig Stunden alt. Sie rückte ihr bereits arg lädiertes Hartschalen-Rollköfferchen zurecht, nestelte ein Tempo aus Ihrer Handtasche, wischte sich die Nase ab, schloss einen Moment die Augen, der 4er ruckelte los. Ein leiser Klingelton liess die Dame erschrecken, sie zog ein altes Nokia 6020 aus ihrer Tasche, starrte kurz aufs Display, schien erleichtert, lächelte, nahm ab mit Claudia, flirtete mit einem Rolf, schien überhaupt nicht mehr müde, wirkte augenblicklich ein Dutzend Jahre jünger, meinte, wie schön es doch war und, dass sie sich schon bald wieder in L.A. sehen würden. Ja-ja, palaverte sie weiter, sie seien pünktlich gelandet, sie sei schon fast da, ginge ganz zuerst duschen, dann schlafen, sagte tschüss und drückte den Halteknopf. Sie stieg nach nur zwei Stationen, an der Fröhlichstrasse aus, stöckelte auf der Karlstrasse zum Aparthotel der Familie Hugenschmidt. Jetzt erst erinnerte ich mich an den Kleber der Swiss auf dem Köfferchen, an den etwas sehr biederen Schnitt ihres Kostüms. Ja, die Claudia ist Flugbegleiterin bei der Swiss, kam soeben aus L.A., nahm die S16 von Kloten an den Tiefenbrunnen und wohnt offensichtlich zeitweise im Seefeld. Im Büro schaute ich aus dem Fenster. Meine Kollegin fragte mich, wovon ich denn träume. Ich drehte mich um und grinste: von L.A.

24. Februar 2015


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