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N°8

Er sei jetzt im 6. Arrondissement, im Saint-Germain-des Prés, ja, der Kunde habe sein Büro ganz in der Nähe, sie würden sich wie vereinbart im Café de Flore treffen, am Abend im Les Deux Magots essen. Nein, er sei nicht geflogen, mit dem TGV gefahren, ja, gestern gleich beim Gare de Lyon im Mercure eingecheckt... die Gespräche seien sehr anstrengend, die Verhandlungen überaus mühsam, vor Freitag schaffe er es nicht zurück. Ja, das wünsche er auch... also bis bald - er beendete das Gespräch mit einem erleichterten Seufzer, schaute vor sich ins Leere, wartete wie ich an der Höschgasse auf das nächste Tram, laut Anzeige wäre es in drei Minuten der 2er. Ich schätzte den Mann auf Mitte vierzig, ein sportlicher Typ, gut und teuer gekleidet, aus keiner biederen Berufsgattung, eher ein risikofreudiger Geschäftsmann, der es versteht, aus dem Nichts heraus sehr überzeugend irgend eine Geschichte zu erzählen, an die er dann sogar selbst glaubt. Er stieg ganz vorne in den 2er, drehte sich zum Fenster, nahm den nächsten Anruf entgegen. Er wäre in zehn Minuten an der Bahnhofstrasse, wenn die Verträge geprüft und parat seien, würde es ja nicht lange dauern, dann könnten sie anschliessend ins Rive Gauche gehen. Gut, bis gleich. Diesmal wird er nicht gelogen haben. Er drehte sich um, schaute in meine Richtung, sein Blick war kalt, seine Mimik wie eingefroren, nur die Finger hatte er nicht unter Kontrolle. Kurz bevor der 2er beim Stadelhofen ankam, verlor er die Fassung, es entfuhr ihm ein zerknirschtes «shit», sein Kopf wurde augenblicklich hochrot, mit zittrigen Händen drückte er den Türöffner, hastete aus dem Tram zum Haupteingang der Brasserie Schiller, wo er vermutlich via Parkhaus Opernhaus flüchtete. Sekunden später starrten zwei Damen aufgeregt ins Tram, die eine beteuerte immerzu, dass sie da doch eben noch Klaus gesehen habe, die zweite bestätigte dies mehrmals mit einem Ja, sie sei sich auch ganz sicher. Peinlich, dachte ich, konnte mir ein Grinsen nicht verkneifen und hätte nur zu gerne die Fortsetzung dieser Geschichte erfahren. Am Bellevue sah ich dann diesen Klaus wieder, er hatte offenbar den Aufgang des Parkhauses seeseits genommen und eilte über die Quaibrücke in Richtung Bürkliplatz. Nicht sehr sportlich.

Sonntag, 12. April 2015


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