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Brunos Tramnotizen – N°24

Die beiden adrett gekleideten jungen Frauen waren auf dem Weg in den Ausgang, sassen ganz vorne im 4er, tuschelten abwechselnd lachend und dann wieder todernst, ihre Mienen verrieten diebische Freude, dann wieder blankes Entsetzen. Die Brünette am Fenster, Daniela hiess sie, erzählte von Ihrer Maturaarbeit, die in der Schule als Meisterstück gepriesen wurde, Lehrer und Mitschüler gratulierten ihr. Sie selbst sei so unglaublich glücklich, vom Thema hätte sie ja sozusagen keine Ahnung gehabt. Anderseits habe sie einen Mordsschiss, ihr könnte irgend jemand auf die Schliche kommen. Ihre Freundin Fiona meinte, das wäre dann schon voll peinlich, aber sie halte das Risiko für minim. Die Arbeit, die sie copy & paste übernommen habe, sei ja auf spanisch geschrieben worden, an der Uni von Buenos Aires. Und ihre Arbeit sei ja nur ein Teil der Studie, sozusagen ein Nebenschauplatz, darüber hinaus habe Pablo bei der Übersetzung ins Deutsche einiges geändert, er habe versichert, Rückschlüsse wären eher zufällig. Und überhaupt, der Klassenlehrer sage ja auch dauernd, dass es nichts gäbe auf dieser Welt, was es schon einmal gegeben habe, und wenn einer eine Idee habe, hätten viele andere zeitgleich die gleiche. Sie glaube nicht, dass es auskäme. Die beiden lachten laut und herzlich, klopften sich auf die Schenkel, sahen sich dann wieder angstvoll an, kniffen die Lippen zusammen, waren einem Moment still. Fiona kramte ihr Smartphone aus der Louis Vuitton-Tasche, tippte irgend etwas darauf herum, meinte dann schnippisch, es sei denn, irgend wer google zum Thema ein bisschen herum und gebe die richtigen Suchbegriffe ein, ja dann - Fiona verdrehte ihre Augen, bis Daniela entsetzt ihre Hände übers Gesicht schlug. Pablo habe ihr versprochen, dass dies nicht möglich sei, es gäbe zu diesem Thema nur spanische Quellen, der Text sei auch nicht in Englisch erhältlich. Daniela zitterte, Fiona fuhr mit dem Lip Gloss generös über ihre ohnehin schon üppig geschminkten Lippen, lächelte dann zu Daniela hinüber, wollte wissen, was Pablo eigentlich für seine Arbeit bekommen habe. Das sei kein Thema, zischte Daniela zurück. Es sei ja auch seine Idee gewesen, als sie sich bei ihm im Büro ausheulte. Ausserdem habe er kein Interesse, dass die Sache auffliegen würde. Als Assistent ihres Vaters könne er sich so etwas gar nicht erlauben. Fiona lächelte milde und fragte frech nach, was sich Pablo denn nicht erlauben könne - ob er nun etwas wollte von ihr oder nicht. Und wenn, beendete Daniela das Thema, dann sei es sie, die etwas gewollt habe, nicht er. Ich musste schmunzeln ob der gehörigen Portion Selbstbewusstsein, erinnerte mich allerdings an einige Menschen, die sich auf diese Weise das Leben immer etwas leichter gemacht haben.

02. August 2015


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