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Brunos Tramnotizen – N°23

Die Leute standen schon eine ganze Weile am Stadelhofen, weder der 2er noch 4er waren am Bellevue in Sichtweite. Der Herr neben mir im schicken Anzug nahm es gelassen, in der Linken hielt er sich an seinem Faltrad, einem Brompton, mit der rechten tippte er schon die zweite SMS in sein Smartphone. Ich fragte mich, warum er mit seinem Velo nicht einfach weiterfuhr. Nach einer weiteren geschätzen Ewigkeit brauste endlich der 4er an. Der Mann steckte das Smartphone weg, hebelte kurz etwas am Rad, klappte den Hinterteil nach vorne, dann den Vorbau samt Lenker nach hinten, drehte den Lenker mit einer Bewegung nach unten, versenkte die Satelstütze, kippte das linke hervorlugende Pedal nach innen, fertig. Vielleicht zehn Sekunden hat das gedauert, er hob sein Rad wie eine Aktentasche hoch, stieg in den 4er. Ein paar Meter weiter rief ihm ein Kollege lauthals zu, warum er denn das Tram nehme, ob er eine Panne habe. Nein-nein, er fahre eben grundsätzlich nur geradeaus oder bergab, erwiderte der Velofahrer grinsend. Die beiden begrüssten sich mit Handschlag, Leo hiess der mit dem Velo, der andere Heinz. Also, wie das sei, mit geradeaus und bergab, wollte Heinz wissen. Leo erklärte, dass auf der Strecke zwischen Bellevue und Tiefenbrunnen, die Höschgasse am höchsten liege. Also vom Bellevue her müsste er bis zur Höschgasse bergauf fahren, darum nehme er bis dahin das Tram. Das gleiche mache er vom Tiefenbrunnen aus, er fahre mit dem Tram bis zur Höschgasse, erst von dort fahre er mit dem Velo Richtung Bellevue. Heinz blieb der Mund eine ganze Weile offen stehen, meinte dann, Leo mache einen Witz, die ganze Strecke sei doch topfeben. Nein, sagte Leo mit Nachdruck, die kaum sichtbare Steigung spüre man, im Anzug käme man da schon leicht ins Schwitzen. Und überhaupt, sein Arzt habe ihm nur empfohlen, ein bisschen Sport zu machen, der Arzt habe deutlich gesagt «ein bisschen», er halte sich nun daran. An der Höschgasse stieg Leo tatsächlich aus, sagte noch grinsend zu Heinz, dass er schneller am Tiefenbrunnen sei als er im Tram, klappte sein Faltrad ruck, zuck wieder auf und weg war er. Heinz schüttelte ungläubig den Kopf. Leo war tatsächlich schneller als wir. Die beiden gingen zum Park-and-Ride, setzten die Heimfahrt in ihren standesgemässen Offroadern fort. So ist das also heute, dachte ich mir, Pendeln mit ein bisschen Sport, und ich überlegte, ob ich auch ein bisschen Sport machen sollte.

26. Juli 2015


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