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Brunos Tramnotizen – N°22

Das Pärchen war Anfang dreissig, sie sassen eng zusammengerückt auf der Bank, seine Linke ruhte auf ihrem rechten Oberschenkel, beide schienen einen langen Arbeitstag gehabt zu haben, sie sahen müde und ausgelaugt aus. Der Mann, in dunkelblauem Anzug, weissem Hemd und roter Krawatte, war ganz offensichtlich Banker, starrte vor sich hin, rieb mit der Rechten andauernd die Augen, sprach leise vor sich hin. Die Frau im legeren casual Look lauschte aufmerksam seiner Geschichte und schwieg. Der 2er ruckelte vom Bellevue Richtung Tiefenbrunnen los, es war bereits gegen halb acht Abends, das Tram zur Hälfte leer. Der Mann erzählte von einem Arbeitskollegen, es sei sein einziger Freund in der Abteilung, er werde brutal gemobbt, und das nur, weil er dauernd alles hinterfrage, es eben sehr genau wissen wolle, sich viel zu viel Zeit nehme für seine Kunden und ihnen nach eingehender Beratung auch schon von einem Investment abraten würde. Er sei einfach zu ehrlich für den Job. Und jetzt, als sich einer dieser Kunden bei der Direktion für die tolle Beratung bedankte, drohe seinem Freund die fristlose Kündigung. Das sei alles so grotesk. Der Mann hob kurz den Kopf, schaute mit leerem Blick aus dem Fenster und fuhr fort, er sei von dem Projekt genauso wenig begeistert gewesen, er hätte immer ein schlechtes Gewissen gehabt, aber er sei verdammt nochmal in der Zwickmühle, wenn er bis Ende Monat die Zielvereinbarung erreiche, könne er endlich ins Auslandgeschäft wechseln, er würde befördert, das habe ihm sein Chef noch vor zwei Tagen in einem Mitarbeitergespräch zugesichert. Er wisse einfach nicht, was er machen solle, wenn er die Ziele nicht erfülle, würde er mindestens noch ein Jahr auf dem gleichen Stuhl weitermachen, das halte er nie aus, und kündigen sei keine Option, er würde als Versager gelten, hierzulande keinen Job mehr kriegen, könne gleich auswandern. An der Fröhlichstrasse konnte der Mann nicht mehr sitzen bleiben, stand auf, strich sich nervös durch seine Haare, war der Verzweiflung nahe, suchte im Blick seiner Freundin Hilfe. Die Frau erhob sich nun ebenfalls, legte einen Arm um seine Taille, mit der anderen zupfte sie an seinem Hemd, machte zwei, drei mal den Mund auf und zu, überlegte eine Weile, schaute schliesslich dem Mann lange in die Augen, holte tief Luft, begann zu lachen und rief dann laut und voller Überzeugung: auswandern, ja auswandern solle er, sie käme mit. Bevor die beiden am Tiefenbrunnen ausstiegen und plötzlich in Feierabendlaune schienen, war die Rede von einem Onkel und Melbourne und ich überlegte mir, ob das Leben auf der andern Seite der Erdkugel denn besser sei und stellte mir die Frage, wie ich in dieser Situation entscheiden würde.

19. Juli 2015


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