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N°17

Das nächste Tram am Bellevue liess auf sich warten, neben mir plauderten eine junge Frau und ein Mann über Blumen. Sie erklärte ihm, worauf man beim Schenken von Blumen achten müsse. Es komme nicht nur auf den Anlass, die Person und den Geschmack des Überbringers oder der Empfängerin an, es sei auch eine Frage des Zeitgeistes. Wir stiegen in den 2er, der Mann unterbrach die Frau merklich ungeduldig, sie solle ihm endlich sagen, welche Blumen er besorgen solle, Doris sei ja ihre beste Freundin, sie müsse es doch wissen. Die Frau schaute ihn an, als würde sie keine Unterbrechung dulden, fuhr fort, heute würde man mit Blumen auch ein Statement abgeben und diese wenn immer möglich saisonal und regional aussuchen. Der Mann schaute sie entgeistert an, fragte, ob er denn jetzt auf die nächste Wiese gehen und Blumen pflücken solle. Warum nicht, lachte seine Begleiterin und sagte ihm, was er aus ihrer Sicht - Doris denke auch so - gar nicht machen dürfe: Einen hirnrissig grossen und bereits fixfertig zusammengestellten Blumenstrauss kaufen - und Blumen aus Holland seien ebenso tabu, die hätten einen ökologisch schlechten Fussabdruck. Der Mann verdrehte genervt die Augen, er wolle Doris einfach schöne Rosen kaufen. Gut, meinte sie, einheimische würde sie derzeit nicht empfehlen, aber die aus Ecuador seien sehr schön, hielten auch lange, daran würde Doris Freude haben. Aus Ecuador, das ist auf der anderen Seite der Welt, da sei der Öko-Fussabdruck doch viel grösser, entsetzte sich der Mann. Nein, nein, entgegnete sie geduldig, in Holland brauche es riesige Industrieanlagen, Strom für Heizung, Klima und künstliches Licht - und Chemie. Das sei absurd. In Ecuador würden die Rosen draussen in der Natur wachsen, hoch in den Bergen, auf über 2800 Metern, sie kriegen dort schon fast eine Überdosis an Sonnenschein und kristallklares Wasser, die Nächte seien kühl, die Tage warm. Ideal für Rosen, sie seien stark und gesund im Wuchs, ihre grossen Blüten hätten intensive Farben, einfach toll. Der Transport mit dem Flieger sei vernachlässigbar. Aha, meinte er und fragte, welche er denn kaufen solle. Er solle eine sanfte Farbe wählen, sehr schön sei die Vitality, weiss-crèmig, sie dufte herrlich, habe einen grossen Kopf - Susanne an der Dufourstrasse habe sie im Angebot - die Anzahl spiele keine Rolle, schon eine sei herzig, drei lieb, er solle für seine Doris sechs, sieben Stück nehmen und sich noch einen Himbeerzweig in den Strauss stecken lassen. Die beiden stiegen an der Fröhlichstrasse aus, liessen mich etwas nachdenklich zurück. Ist das Leben heute tatsächlich so kompliziert?


Sonntag, 14. Juni 2015


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