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Brunos Tramnotizen – N°87

Grau, nass und kalt war es an diesem Tag, der 4er kam vom Bellevue bereits rappelvoll am Stadelhofen an, es war abends um sechs, die Leute wollten nur noch nachhause. Auf dem letzten Zacken schafften es ein Mädchen und ein Bursche mit einem Sprung auf das Trittbrett in das übervolle Tram. Die beiden Teenager waren um die siebzehn, mochten sich wohl sehr, das war nicht zu übersehen, sie taten aber sehr schüchtern. Die geradezu erzwungene körperliche Nähe in diesem Gedränge schien ihnen allerdings durchaus zu gefallen. Immer wieder kreuzten sich ihre Blicke, ihre Mimik sprach Bände, selbst wenn sie kein Wort austauschten. Wenn sie sich scheinbar unabsichtlich in die Augen sahen, errötete das Mädchen und die Augen des Burschen begannen noch mehr zu leuchten. An der Höschgasse gab es endlich mehr Platz, die wenigen noch verbliebenen Passagiere schienen die beiden nicht mehr zu stören. Das Mädchen schaute sich kurz um, nahm den Burschen an der Hand, zog ihn an sich, küsste ihn ganz kurz und schnell, schaute dann eine schiere Ewigkeit tief in seine Augen, liess erst von ihm ab, als der 4er an der nächsten Station hielt und die beiden ausstiegen. Es regnete inzwischen in Strömen, der Bursche zog seine Jacke aus, legte sie dem Mädchen über die Schultern, Hand in Hand gingen sie eilig um die nächste Hausecke. Das Paar, das auf der Sitzbank neben der Türe sass, hatte die Szenerie von Anfang an beobachtet. Der Mann, er war vielleicht vierzig, lachte, das sei echt herzig, das habe ausgesehen wie im Film, die hätten sich bestimmt ewige Liebe geschworen. Das sei doch nichts wirklich Ernstes, das sei normal bei Teenies, meinte die Frau. Nein, empörte sich der Mann, das habe man genau sehen können, das sei noch echte Liebe! Ach was, wehrte die Frau ab, das sei vielleicht der Moment einer Verliebtheit und das sei nie dauerhaft. Der Mann schluckte leer, wollte von der Frau wissen, wie sie denn das meine. So wie sie es sage, erklärte diese beinahe emotionslos, das sehe man doch in unserer Gesellschaft, nichts sei dauerhaft, eine Beziehung schon gar nicht, in ihrem Bekanntenkreis gebe es kein Paar, das seit jeher beisammen sei, alle hätten schon ein halbes Dutzend Beziehungen hinter sich oder wären mindestens einmal geschieden. Der Mann schüttelte den Kopf, seiner Meinung nach sei Liebe nicht einfach auswechselbar. Und es wäre doch schön, wenn Liebe wieder etwas mehr Bedeutung erlange und wenn es mehr Verliebte gäbe. Die Frau lachte, daran werde sie ihn zuhause erinnern.

16. Oktober 2016


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