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Brunos Tramnotizen – N°85

Der Herr war etwa 70, er trug Jeans, eine legere Freizeitjacke und hatte eine Menge Fischerutensilien dabei. Er machte es sich auf einer Zweierbank bequem, lächelte zufrieden vor sich hin. An diesem Bild änderte sich nichts, vom Bellevue, wo er in den 4er eingestiegen war, bis zur Höschgasse. Da kam ein 40jähriger Geschäftsmann in dunklem Anzug hinzu. Er wollte sich ebenfalls auf die Bank setzen, die war aber mit Fischerzeugs belegt. Der jüngere schaute den älteren Mann an, wollte reklamieren, hielt dann inne und lachte laut heraus: Müller!... er sei doch der Müller, der Lehrer, der vom Schulhaus Münchhalde! Der ältere Mann erschrak, schaute einen Moment zum jüngeren auf, stotterte dann nur fragend Sven...? Der Jüngere lachte unentwegt weiter, schob das Fischerzeugs zur Seite, setzte sich, sagte, ja-ja, er sei der Sven – der Sven, den er aus der Schule geschmissen habe! Müller wusste nicht, was er sagen sollte, war verlegen, er erinnerte sich aber gut... ja der Sven, der Mofas geklaut habe, der aus dem Lehrerzimmer Prüfungsfragen habe verschwinden lassen, der Sven, der den Lehrern Hanf-Guetzli verteilte. Sven lachte, ja der Sven sei er. Müller habe ihm zum Abschied noch gesagt, dass aus ihm nie etwas werde, ein Tagedieb sei er. Müller hatte sich vom ersten Schreck erholt, wollte wissen, was Sven jetzt mache. Sven grinste, nach dem er von der Schule flog, sei er auf den Bau gegangen, als Hilfsarbeiter, er habe dann bei einem Abbruchunternehmer angefangen, sei bald einmal Vorarbeiter geworden, schliesslich habe er das Unternehmen übernommen. Jetzt habe er ein knappes Dutzend Liegenschaften in der Stadt, es gehe ihm sehr gut. Müller staunte, er, der Sven, der weder lesen noch rechnen konnte! Sven grinste, das könne er inzwischen schon, lernen täte man das halt nicht in der Schule. Er sage heute den Anwälten, was sie in die Verträge schreiben müssten und er rechne dem Buchhalter vor, wie er die Zahlen zusammenzählen müsse! Müller konnte es kaum fassen, wiederholte immerzu, das sei ja unglaublich, einfach unglaublich. Müller erzählte Sven, er sei jetzt Rentner, gehe oft zum Fischen, heute habe er immerhin zehn Egli gefangen, das gebe ein feines z’Nacht. Fischen, ja fischen, das würde ihm auch gefallen, sinnierte Sven, ob man das lernen könne? Müller lachte laut heraus, er, Sven, etwas lernen? ... Müller hielt inne, entschuldigte sich verlegen, doch-doch, aus ihm sei ja etwas ganz Ordentliches geworden, das hätte er nie gedacht. Ob er es denn wirklich lernen möchte – am Wochenende? ... Sven grinste, klar! Aber am Wochenende sei er in London, doch morgen und übermorgen, da könne er es einrichten, da habe er nichts Wichtiges auf dem Programm, das könne er delegieren, er müsse ja heute nicht mehr selber arbeiten, wenn er keine Lust habe, lasse er das andere tun.    

2. Oktober 2016


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