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Brunos Tramnotizen – N°79

Wie denn das sei, wenn man sterbe, einfach tot sei, wollte das kleine Mädchen von ihrem Grossvater wissen. Nina, so hiess das Mädchen, war etwa sechs Jahre alt, ging noch nicht zur Schule. Nina löcherte ihren Grossvater schon eine ganze Weile mit Fragen und für den Grossvater schien es offenbar schwierig, die richtigen Antworten darauf zu finden. Er wisse doch immer alles, er würde den grossen Leuten an der Uni erklären, wie man mit Raketen ins All fliege, und was die Astronauten dort oben alles machen würden... da müsse er wohl auch wissen, wie es im Himmel sei! Nina liess nicht locker, wollte wissen, warum Menschen ihren Körper verlassen und nur mit der Seele in den Himmel fliegen würden, wie denn die Seele aussehe. Der Grossvater strich liebevoll über den Kopf seiner Enkelin, suchte nach einigermassen vernünftigen Antworten. Er wisse es nicht, die Seelen seien für Menschen unsichtbar. Wie er denn wissen könne, dass Seelen in den Himmel fliegen, wenn er sie doch gar nicht sehen könne. Der Grossvater lächelte, ja da habe sie recht, Seelen könnten überall sein. Auch hier, fragte Nina. Ja, auch hier, meinte der Grossvater. Nina blieb einen Moment stumm, schaute zu ihrem Grossvater hinauf. Also, wenn man Seelen nicht sehen könne, wie könne er dann wissen, wo sie sind. Der Grossvater nahm die Hand von Nina, sagte, ja, das sei eben so eine Sache, dann räusperte er sich verlegen und schwieg. Nina lachte, aber man müsse doch wissen, wie eine Seele aussehe, wenn der Mensch noch lebe, da sei diese ja noch in seinem Körper. Dort müsse sie doch jeder Doktor schon einmal gesehen haben. Auf ihren Röntgenbildern habe man auch alles gesehen, die Lunge, das Herz... wo denn die Seele sei? Sie sei eben unsichtbar, die Seele, versuchte sich der Grossvater herauszureden. Nina schaute wieder zu ihrem Grossvater hoch, ja aber, die Seele müsse irgendwo einen Platz haben, den Platz müsse man doch sehen können. Das wisse niemand, versuchte der Grossvater zu erklären, weil sie unsichtbar sei, habe sie noch niemand entdeckt. Die Seele sei ein Teil des Geistes, auch der sei unsichtbar. Der Geist?... Ja, der Geist, das sei das, was sie denke, was sie träume und so, das würden die anderen nicht sehen. Nina lachte, das mache sie mit dem Kopf, den sehe man doch! Den Kopf schon, aber den Geist nicht, der sei im Kopf. Den könne man doch auch röntgen, meinte Nina. Ja-ja, röntgen könne man auch den Kopf, aber den Geist habe noch keiner gefunden. Der Mensch wisse zwar, wie es hinter dem Mond aussehe und auf dem Mars, aber wie es in den Köpfen der Menschen wirklich aussehe... da müsse der Mensch noch viel lernen. Der Grossvater lachte, stand auf, hob Nina auf den Arm, gab ihr einen Kuss und war wohl froh, nach dem Aussteigen das Thema wechseln zu können.

22. August 2016


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