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Brunos Tramnotizen – N°77

Auf den ersten Blick war nicht ersichtlich, ob das Lachen des jungen Mannes ehrlich gemeint war oder ob er vielmehr den Tränen nahe war. Er nannte sich Giuseppe und sei Inhaber eines Gipser- und Malergeschäfts. Neben ihm sass sein Freund Rico, ein Anwalt. Guiseppe beklagte sich darüber, dass es schier unmöglich sei, als Opfer einer Betrügerei zu seinem Recht zu kommen. Ein Bauherr schulde ihm bereits seit über sechs Monaten satte 450'000 Franken. Das sei wahnsinnig viel Geld für seine kleine Firma mit zehn Mitarbeitern. Der Bauherr habe nach Abschluss der Renovationsarbeiten einer Überbauung die Rechnung nicht begleichen wollen. Er habe dies auch mit anderen Kleinunternehmern so gehalten und alle offen wissen lassen, die ursprünglich vereinbarten Honorare drücken zu wollen, bei ihm um über 25 Prozent, bei zwei anderen, einem Schreiner und Elektriker, sogar noch mehr. Guiseppe hätte mit seinen Handwerkerkollegen den Bauherrn betrieben, doch dieser sei unbeeindruckt geblieben, habe ihnen mitteilen lassen, sie sollten ihn doch verklagen, er habe jede Menge Zeit. Und er habe allen klar gemacht, dass er keinem den vollen Preis bezahle, vor Gericht würde es sowieso zu einem Vergleich kommen. Guiseppe habe nun mit den beiden anderen Unternehmern Klage eingereicht. Deren Anwalt habe ihm allerdings gesagt, dass ihn bei diesem Streitwert ein Gang vor Gericht schon in erster Instanz mit den vorzuschiessenden Prozesskosten und dem Drumherum über 60'000 Franken koste! Es sei doch verrückt, er müsse, um zu seinem Recht zu kommen, das Gericht im Voraus bezahlen, damit es ihn überhaupt anhöre... und bezahlen, womit denn?!... und das in der Schweiz, einem Rechtsstaat! Diese Handhabung des Rechts würde Gaunern, wie diesem Bauherrn, betrügerische und kriminelle Geschäfte erst ermöglichen. Guiseppes Hände zitterten, seine Stimme versagte. Rico versuchte Guiseppe zu beruhigen, er werde sich dieser Sache annehmen, es sei allerdings nicht leicht. Die Masche solcher Bauspekulanten sei bekannt, es sei schwer, ihnen das Handwerk zu legen. Und das hiesige Rechtssystem sei diesbezüglich nicht gerade hilfreich. Skrupellose Spekulanten würden das schamlos ausnutzen und auf die leide Tatsache setzen, dass Recht haben noch lange nicht heisse, auch Recht zu bekommen. Rico klopfte Guiseppe freundschaftlich auf die Schulter, meinte, er sei zuversichtlich, ihm dennoch helfen zu können. Er habe über den besagten Bauherrn bereits einige Recherchen angestellt und dabei etwelche Fehler in dessen System entdeckt. Ach ja, und er, Guiseppe, würde ihm keinen Vorschuss bezahlen müssen. Guiseppe atmete erleichtert auf, schöpfte Hoffnung, sagte nur leise Danke.

8. August 2016


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