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Brunos Tramnotizen – N°76

Es sei schon sehr bedenklich, wenn sich befreundete Familien plötzlich den Krieg erklären würden, nur weil ihre Meinungen über politische Ereignisse auseinandergingen. Die jungen Frauen, zwei Studentinnen der ETH, konnten die derzeitigen Geschehnisse in ihrem Bekanntenkreis nicht nachvollziehen. Jana, die Frau am Fenster, erzählte, dass sie noch vor zwei Monaten in Berlin gewesen seien und mit allen Party gefeiert hätten. Und jetzt habe sich die ganze Clique innert weniger Wochen in zwei Lager gespalten, sei verfeindet, würde sich gegenseitig ächten. Das mache irgendwie Angst. Die Feindseligkeiten würden aus deren Heimatland geschürt und ins Ausland exportiert. Janas Begleiterin, Anouk hiess sie, lachte, das sei so etwas von irre, da drücke einer auf einen roten Knopf und seine Anhänger würden in seinem Namen die eigenen Landsleute verprügeln. Jana mahnte Anouk, das fände sie gar nicht lustig. Das sei nicht nur ein Krieg bei denen zuhause. Deren Landsleute im Ausland würden über politische und religiöse Netzwerke dazu angehalten, sich ebenfalls aktiv an dem Konflikt zu beteiligen. Allein in Deutschland seien davon drei Millionen betroffen, das sei ungeheuerlich. Anouk nickte, das hätten sie ja gemeinsam bei ihren Freunden in Berlin hautnah erleben können. Die Clique habe sich aufgelöst, die Leute mussten sich ab sofort für das eine oder andere Lager entscheiden. Anouk sinnierte, künftig sei es nicht einmal mehr möglich ihre Freunde gemeinsam zu besuchen... also, wenn sie Ibrahim treffen wolle, könne Jana mit Ömer nicht dabei sein. Jana schüttelte ungläubig den Kopf, fragte, ob Anouk wirklich ernsthaft glaube, sie könnten Ömer und Ibrahim nicht mehr gemeinsam sehen. In Berlin bestimmt nicht, da sei sie sich sehr sicher, antwortete Anouk, und das obwohl beide bis anhin die besten Freunde gewesen seien. Ömer stamme aus einer dem Regime nahestehenden Familie, Ibrahims Familie dagegen hätte schon immer mit oppositionellen Gruppierungen sympathisiert. Jana lachte, die beiden könnten in Berlin doch machen, was sie wollten. Anouk verneinte, dem sei nicht so, sie müssten die Fahne ihrer Familien hochhalten - oder diese aber verlassen. Jana schaute zum Fenster hinaus, traurig sei das, das würde ja bedeuten, dass sie ihre Freundschaft zu Ömer und Ibrahim vergessen könnten. Das sei einfach irre. Da seien sich zwei Völker inzwischen so nahe gekommen, würden sich mögen und sehr gut verstehen, sogar an eine gemeinsame Zukunft denken und dann brülle einer einfach: Krieg! Anouk lächelte, nein-nein, so einfach liesse sie sich nicht unterkriegen. Anouk schlug Jana vor, Ömer und Ibrahim für zwei Wochen nach Zürich einzuladen, hier könnten sie Party machen so lange sie möchten.

31. Juli 2016


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