Das Online-Magazin
«Der Kreis 8 hat vieles zu bieten - überzeugen Sie sich selbst!»

Brunos Tramnotizen – N°73

Nicht einmal die Hälfte habe auf die Einladung zum Klassentreffen geantwortet, beklagte sich die junge Frau bei ihrer Freundin. Sie wisse nicht, was sie falsch gemacht habe. Die Einladungskarte habe ein kleines Vermögen gekostet, bis sie alle aktuellen Adressen herausgefunden und die Couverts angeschrieben habe, hätte sie über eine Woche gebraucht. Joelle, ihre Freundin, meinte schliesslich, die Leute hätten sich auf die Post bestimmt gefreut, aber es sei heute eben nicht mehr üblich, auf so eine Post mit einer Post zu antworten. Das sei vielen einfach zu aufwendig, zu kompliziert. Sie müsse die Leute anders kontaktieren. Céline bat Joelle ihr dabei zu helfen, sie kenne ja alle Leute, die noch ausstehen würden. Joelle willigte ein, tippte auf ihrem Tablet herum, schlug Céline vor, die Adressen mit ihren Kontakten abzugleichen. Also, meinte Joelle nach einer Weile: Mirjam, Hannah, Mina, Léonie und Veronica erreiche sie über Facebook-Messenger, mit Romina und Nataschah müsse sie whatsappen, Emely könne sie nur antwittern, allerdings erst abends gegen neun. Mit den restlichen Frauen könne sie snapchatten. Céline schluckte leer, Joelle lachte, ja so sei das heute, das sei doch keine Sache. Bei den Jungs ginge es etwas einfacher: David, Luca und Jonas liessen sich ansimsen, mit Nils und Paul könne sie skypen, Noah hole sie auf Instagram ab und allen anderen könne sie eine E-Mail schicken. Wieder schluckte Céline leer und fragte, ob Joelle das alles in ihren Kontakten so vermerkt habe. Joelle rückte näher zu Céline und scrollte auf dem Tablet ihre Adressliste rauf und runter, zeigte die entsprechenden Vermerke gleich nach jeder Mobile-Nummer. Da stand beispielsweise bei Laura, dass sie vor Mittag nur angesimst werden wolle, danach könne man mit ihr whatsappen. Bei Fabian hatte Joelle vermerkt, er wünsche nur Ton-Nachrichten. Céline schüttelte den Kopf, das sei doch völliger Stuss, so einen Kontakt würde sie gleich kippen. Joelle grinste, den sicher nicht, der sei total süss. Und wer denn das sei, entsetzte sich Céline, der Yannik, der liesse sich nur anfaxen! Fax, wer hätte denn heute noch einen Fax?! Joelle lachte laut heraus. Das sei ihr Grossvater, steinreich sei der und der kommuniziere eben ausschliesslich mit Fax, er verschicke nur handgeschriebene Briefe. Und er verlange von allen, die etwas von ihm wollen würden, dasselbe: handgeschriebene Briefe! Ob sich ihre Familie darauf einliesse, fragte Céline. Joelle sinnierte, ja, ihr Vater, ihre Tanten und Onkel, auch ihre Cousins und Cousinen, doch, doch, die ganze Familie. Alle hätten sich von irgendwo ein Faxgerät besorgt, alle würden regelmässig fleissig Briefe schreiben und diese an Yannik faxen. Sie möchten ja irgend einmal auch etwas vom Kuchen haben, wenn es ums Erben ginge.

11. Juli 2016


Zürich Kreis 8 Newsletter

Um informiert zu bleiben und regelmässige Updates zu erhalten, können Sie unseren Newsletter hier abonnieren - kostenlos und unverbindlich.




Schliessen