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Brunos Tramnotizen – N°72

Es sei schon sehr bedenklich, meinte die junge Frau am Fenster, da vermelde eine wissenschaftliche Studie, man könne mit Schokolade abnehmen, und alle glauben es! Man stelle es sich vor: Schokolade mache schlank!... man esse täglich eine Tafel Schokolade und nehme einfach ab! Wenn etwas so gut tönt, dass es gar nicht wahr sein könne, dann sei es eben meist auch nicht wahr. Trotzdem: Journalisten hätten das Thema tatsächlich blind aufgenommen, über die Medien verbreitet und die Leute hätten die Sensation mit einem naiven «Wow» kommentiert. Die Freundin neben ihr blickte auf, legte ihr Tablet beiseite, meinte lächelnd, ja, sie kenne die Geschichte. Zwei Fernsehjournalisten hätten diese Fake-Studie verbreitet – über ein von ihnen erfundenes «Institute of Diet and Health». Das vermeintliche Studienergebnis sei darauf vom Londoner Wissenschaftsmagazin «International Archives of Medicine» publiziert – und damit amtlich veröffentlicht worden! Die sogenannte Schokoladen-Story sei schliesslich über TV-Stationen, Zeitschriften und Onlinemedien weltweit verbreitet worden. Peinlich! Sara, die Frau am Fenster, meinte, der Witz der beiden Journalisten sei ja eine gelungene Aktion gewesen, so etwas würde sie in ihrer PR-Agentur auch gerne machen. Es wäre doch schön, wenn die Schweizer Schokolade ihrer Kunden plötzlich kiloweise gegessen würde, weil sie schlank mache. Man müsse sich vorstellen, allein auf dem europäischen Markt gäben die Konsumenten jährlich fünf Milliarden für Diätprodukte aus. Was sie allerdings beängstige, sei die Gesellschaft, die keinen Realitätssinn mehr habe. Der Mensch denke nicht mehr selber, für alles habe es eine App, man folge blind dem Navi und glaube jeden Blödsinn, der sich übers Netz verbreite. Nicole, die Freundin, nickte, ja, an genau diesem Symptom würde die heutige Gesellschaft kranken. Selbst scheinbar gebildete Menschen mit Hochschulabschluss seien davon betroffen. Auf die Schokoladen-Diät seien sogar Wissenschaftler reingefallen, die von Medien dazu befragt worden seien. Sie hätten die Studie und ihre vermeintlichen Kollegen nicht anzuzweifeln gewagt. Die Studie sei ja von der amerikanischen Ernährungswissenschaft bestätigt und auch im «American Journal of Clinical Nutrition» beschrieben worden. Eine Weile schwiegen die beiden. Dann lachte Nicole, sie erinnere sich daran, dass andere Studien besagten, Schokolade mache glücklich. Sara schlug vor, einen kleinen Umweg zu machen und eine Schachtel Pralinés zu posten, zum Kaffee im Büro.

4. Juli 2016


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