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Brunos Tramnotizen – N°70

Die beiden jungen Männer in ihren Nike-Trainern kamen direkt aus dem Activ Fitness Tiefenbrunnen, Lorenzo und Diego hiessen sie. Wie lange er denn schon wieder solo sei, und warum ihn Giulia verlassen habe, wollte Lorenzo wissen. Das sei vor vier Monaten gewesen, erzählte Diego, er habe einfach wieder einmal Lust gehabt, richtig zu essen und habe sich ein Bistecca alla fiorentina in die Pfanne gehauen, da habe sie die Koffer gepackt und weg sei sie gewesen. Lorenzo lachte, er habe doch gewusst, dass sie Vegetarierin sei, aber... Nix aber!, fuhr ihm Diego dazwischen. Bis kurz davor habe er das respektiert, aber irgendwann sei es ihm zuviel geworden. Erst habe sie ihr Yoga-Lehrer zur Veganerin gemacht, dann sei sie zur regelrechten Gesundheitsfanatikerin mutiert und schliesslich habe ihre Ärztin festgestellt, dass sie an Orthorexie leide. Ob Orthorexie etwas Schlimmes sei, wollte Lorenzo wissen. Diego stöhnte, er glaube nicht, dass er das wirklich wissen wolle. Er selbst habe das Thema abgehakt, schluss, vorbei! Nach einer Weile, Lorenzo drängte ihn dazu, erklärte Diego, Giulia sei vom gesunden Essen richtig besessen gewesen, sie habe sich so intensiv mit gesunder Ernährung beschäftigt, bis sie krank wurde. Dazu habe sie mit dem Thema ihre Umgebung terrorisiert und alle Einladungen bei Freunden abgelehnt, weil sie nicht von ihrem Ernährungsplan abweichen wollte. Ausserdem versuchte sie andere zu missionieren... das habe schreckliche Ausmasse angenommen. Schliesslich sei ihr ganzes Beziehungsnetz weggebrochen, sie sei depressiv geworden und habe nur noch Angst gehabt, sie könne von einer möglichen ungesunden Ernährung krank werden. Ihre Ärztin konnte ihr nicht helfen, Orthorexie gelte medizinisch nicht als Krankheit, das sei eine Sache für den Psychiater. Aber Giulia sei von ihrem Verhalten derart überzeugt gewesen, ihre Ernährung wollte sie unter keinen Umständen ändern. Gesundes Essen sei für sie zur Religion geworden. Lorenzo lachte nicht mehr. Warum er ihr dann nicht geholfen habe, er hätte das doch kommen sehen müssen. Diego verzog sein Gesicht, das sehe man nicht, das käme schleichend. Zuerst sei für Giulia Milch tabu gewesen, Zucker sowieso, dann Weizenprodukte, selbst Früchte und Gemüse aus konventionellem Anbau seien ihrer Ansicht nach plötzlich giftig gewesen. Am Schluss habe sie sogar Angst gehabt, Gluten könnten ihren Körper von innen verkleben! Was Giulia denn heute mache, wollte Lorenzo wissen. Sie lebe jetzt auf einem Hof, bei einem Bio-Bauern. Der mache ihm einen guten Eindruck, bei einem Besuch tischte er einen Gemüsegratin auf, dazu gab es einen herrlichen Braten. Er hoffe, Giulia fände hier eine neue Perspektive.

19. Juni 2016


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