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Brunos Tramnotizen – N°69

Der junge Bursche sass zusammengesunken auf der Bank, sein Blick war  abwesend, seine Stimme klang monoton. Ja, doch, es sei alles okay. Das wiederholte er nun schon ein halbes Dutzend Mal auf die Fragen seines Vaters, einem Mittvierziger in gepflegtem Anzug. Es waren die üblichen Fragen, die besorgte Eltern zu stellen pflegen. Dem Burschen, Fabio hiess er, schien es peinlich zu sein. Der Vater seinerseits gab sich mit dem 'es sei alles okay' nicht zufrieden, er liess nicht locker, hakte nach und begann mit den gleichen Fragen schliesslich wieder von vorne. Er verstehe nicht, warum er sage, in der Schule wäre alles okay, wenn er plötzlich in Mathe ungenügend sei, in Deutsch sowieso und in seinem Lieblingsfach Englisch keinen Sechser mehr schreibe. Ob er verliebt sei, ins Training ginge er auch nicht mehr regelmässig. Fabio antworte ruhig, aber sichtlich genervt, es sei alles okay. Jetzt fing sich auch der Vater an zu nerven, wollte wissen, warum Fabio zuhause mit niemandem mehr rede. Fabio schaute zu seinem Vater auf, schluckte leer, wehrte sich dann mit leiser Empörung, das sei in letzter Zeit gar nicht mehr möglich gewesen! Natürlich möchte er reden, es sei ihm schon länger nicht gut gegangen, aber er sähe doch, dass es zwischen ihm und der Mutter schon genug Probleme gäbe, sie würden sich dauernd streiten, da könne er nicht mit seinen Problemen auch noch kommen. Der Vater erschrak und sagte, es sei doch normal, dass man hie und da Dinge besprechen müsse, die nicht einfach seien... das sei kein Grund, einem Gespräch aus dem Weg zu gehen. Fabio schüttelte den Kopf, es sei seit drei Monaten nicht mehr möglich gewesen! Wenn er sich nicht gerade mit Mutter streite, zappe er bei einem Bier durch alle TV-Kanäle, sei gleichzeitig nonstop auf seinem Tablet online und wenn man ihn anspreche, tippe er auf seinem Handy herum. Nein, Zeit habe er nie! Dem Vater dämmerte langsam, dass da etwas ernsthaft aus dem Ruder gelaufen war, Beschwichtigungen alleine nicht mehr reichen würden. Der Vater legte den Arm auf die Schultern seines Sohnes, fragte, was sie denn ändern sollten. Fabio sagte, er habe Angst, dass er und Mutter sich scheiden würden, die Familie nicht mehr beisammen sein würde. Fabio sagte dies sehr leise. Dem Burschen kullerte eine Träne über die Wange. Er wünsche sich, fuhr Fabio fort, dass man wenigsten ab und zu wieder zusammen wäre... man wieder gemeinsam essen könne, so wie sie das früher jeden Tag getan hätten. Und dass er und Mutter sich nicht immer streiten würden. Dann, dann... dann würde es ihm vielleicht wieder besser gehen, auch in der Schule.

12. Juni 2016


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