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Brunos Tramnotizen – N°68

Er folge nicht der Bürokratie, wo käme man denn hin, wenn man sich dauernd an den Dienstweg halte. Man könne es sich heute einfach nicht mehr leisten, einen sturen und unflexiblen Fahrplan einzuhalten, man müsse agieren, nicht erst reagieren, wenn es zu spät sei. Er sehe sich als Unternehmer, da müsse man sich durchsetzen, da gelte das Recht des Schnelleren. Der junge Mann im Anzug enervierte sich im 4er Richtung Tiefenbrunnen bereits minutenlang über die Geschehnisse in einem Meeting, aus dem er offenbar gerade gekommen war und versuchte seiner Begleiterin zu erklären, was ihm alles nicht passe. Die Frau im eleganten Deuxpièce, Laura hiess sie, hörte vorerst geduldig zu, nickte zwischendurch brav und wartete, bis ihr Kollege mit seiner Schimpftirade eine Pause einlegte. Er solle nun einen Punkt machen, sagte Laura schliesslich, er sei es, der alles immer durcheinander bringe. Er, David, verlange von allen anderen, kultiviert miteinander umzugehen, sich an klare und faire Regeln zu halten. Sich selbst nehme er aber das Recht heraus, Regeln zu brechen, so wie es ihm gerade passe. Heute sei er wieder zu spät ins Meeting gekommen und habe sogleich gefordert, die Traktanden der anderen zurückzustellen und sein wohlverstanden ungeplantes Thema vorrangig zu behandeln. Wenn er da auf Unverständnis stosse, müsse er nicht eingeschnappt reagieren und an die Flexibilität der anderen appellieren. Er halte sich an kein geordnetes Vorgehen und mache sich mit Schüssen aus der Hüfte wichtig. Er torpediere damit jede Planung, das sei unverantwortlich. David holte Luft, das sei nicht so, schliesslich habe ja niemand reklamiert. Laura lachte, nur weil die Kollegen weder Zeit noch Lust auf die Austragung eines Konfliktes hätten, hiesse das nicht, dass man sein Vorgehen billigen würde. Übrigens sei er nicht nur im Job so, er sei auch sonst ein Drängeler, sei dies beim Anstehen an einer Kasse oder im Strassenverkehr, und wenn man ihn darauf aufmerksam mache, sei er beleidigt und sehe sich gar als Opfer. Das müsse man aus einer anderen Perspektive betrachten, wehrte sich David, das sei in der Natur so, das sei im Geschäft nicht anders, nur wer zuerst sei, könne auch gewinnen. Laura lächelte, er könne es drehen und wenden, wie er wolle. Er glaube immer, in der ersten Reihe stehen zu müssen. Einen Erfolg rechne er sich an, würde es allerdings einmal weniger gut laufen, habe nicht er, da habe das Team versagt. Er sei nicht allein auf dieser Welt und in einem Unternehmen lediglich Teil eines Systems. In einem Team erreiche man ein Ziel nur gemeinsam. Und das würde genau so lange dauern, bis auch der Letzte den Zielstrich überquert habe.

5. Juni 2016


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