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Brunos Tramnotizen – N°65

Man musste schon zweimal hinschauen, um zu sehen, dass bei der flüchtigen Küsserei mehr Liebe im Spiel war als es danach aussah. Der junge Mann war an die Haltestelle Höschgasse herbeigeeilt, an der rechten Hand hatte er einen Jungen im Vorschulalter, ganz offensichtlich seinen Sohn, in der Linken hielt er einen schönen Strauss mit sechs oder sieben Rosen. Die Frau wartete derweil bereits merklich ungeduldig auf die beiden, wollte schimpfen, tat es dann nicht, umarmte den Sohn, das dauerte, danach sah sie lange den Mann an, sagte nichts. Der Mann schwieg auch, schaute der Frau nur still in die Augen, überreichte ihr die Rosen, lächelte verlegen. Der 4er war da. Die beiden küssten sich flüchtig, der Vater bückte sich, herzte den Jungen, schaute Mutter und Sohn nach, wie sie in den 4er stiegen. Das verlegene Lächeln schwand, der Mann winkte dem Tram traurig hinterher, zündete sich eine Zigarette an. Es war wohl eine Kindesübergabe zwischen geschiedenen Elternteilen. Die Frau sass im 4er Richtung Bellevue, die Rosen hatte sie über die Knie gelegt, der Junge sass neben ihr auf der Bank, schaute seine Mutter still an. Nach einer Weile fragte er zaghaft, ob ihr denn die Rosen nicht gefielen. Die Frau schaute zum Sohn hinüber, fragte leise, wo sie denn diese gestohlen hätten. Der Junge, Yannick hiess er, sagte keck, denen sehe man bestimmt nicht an, dass sie gestohlen seien. Die Frau, sagte nur doch-doch. Yannick wehrte sich, Papa habe immer gesagt, die Rosen aus dem Laden riechen nur nach Sprühdünger und sie seien tot. Frisch geschnittene Rosen, so wie diese, die würden nach Rosen duften, sie solle doch mal daran riechen. Die Frau lächelte, sie brauche nicht daran zu riechen, sie hätte den Duft längst bemerkt, also seien sie gestohlen. Yannick errötete, ja, gab er zu, aus dem Park, er habe selbst zwei davon ausgesucht, sie hätten ganz vorsichtig sein müssen, damit man sie dabei nicht erwischt habe. Ausserdem hätte Papa ja gar kein Geld, um Blumen zu kaufen. Das sei kein Grund, Blumen zu stehlen, mahnte die Mutter. Yannick verteidigte sich, doch, wenn die Blumen im Laden nicht nach Blumen riechen würden, sie längst tot seien, dann müsse man sie auch nicht kaufen. Diese Blumen seien noch lebendig, Yannick hielt die Nase über die Rosen, meinte, die seien lebendig, echt! Die Mutter lächelte, strich Yannick über den Kopf, wollte wissen, was denn Papa gesagt habe, als sie die Rosen stahlen. Yannick schaute zur Mutter auf, Papa habe nur gesagt, die seien so schön, die seien für Mama. Die Mutter zog ihren Sohn an sich, strich ihm über den Kopf, schaute still aus dem Fenster. Als die beiden am Stadelhofen ausstiegen, nahm die Mutter Yannick an der Hand, steckte ihre Nase tief in den Strauss, lächelte, sagte zu ihrem Sohn, sie habe ihn lieb und den Papa auch.

16. Mai 2016


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