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Brunos Tramnotizen – N°64

Er habe nach der HSG noch den MBA an der Harvard Business School gemacht, aber eine Karriere in der Wirtschaft sei für ihn nie infrage gekommen, er sehe das bei allen anderen Abgängern, die würden nur am Leben vorbeileben. Er habe es vorgezogen, die kleine Fischzucht seines Grossvaters im Jura zu übernehmen. Es sei ihm sauwohl dabei, mit vier Stunden Arbeit pro Tag erwirtschafte er sein Zieleinkommen. Der Mann, Lorenzo hiess er, lächelte zufrieden. Sven, der neben ihm stand, schüttelte den Kopf, sagte, das glaube er ihm nicht, er solle ihm doch keine Märchen erzählen. Die beiden waren alte Schulfreunde und hätten unterschiedlicher nicht sein können. Sven, das Abbild eines erfolgreichen Managers, durchtrainiert und in teurem Anzug, Lorenzo in Jeans und Pulli. Beide standen sie da im 2er in Richtung Bellevue, unterhielten sich herzlich, wie das alte Bekannte tun, zeigten aber für das Leben des anderen kein Verständnis. Sven erzählte von seinem Haus am See, der Ferienwohnung im Bündnerland, den teuren Reisen in die Karibik... und von seinem Job als CEO eines Grossunternehmens. Er war stolz auf sein tägliches 14-Stunden-Pensum, täglich, wie er betonte, auch am Wochenende. Lorenzo hörte artig zu, lächelte bescheiden, fragte, was er denn davon habe. Sven antwortete kurz und spitz, er arbeite, um einmal nicht mehr arbeiten zu müssen und dann das Leben geniessen zu können. Wann denn, fragte Lorenzo, das werde er doch nie wirklich können... oder er täte es dann, wenn er nicht mehr anders könne, weil er alt und müde sei. Er könne sich zwar keinen Luxus leisten und er habe kein Vermögen, aber es gehe ihm gut und er habe schon heute die Zeit dafür, nur das zu tun, wonach er Lust habe. Er, Sven, sei halt in einer anderen Welt aufgewachsen, wo man morgens aufstehe, um zu arbeiten und abends nachhause komme, um ins Bett zu gehen. Er möge sich noch erinnern, als er einst als junger Erwachsener allen erzählte, er kaufe sich ein Auto, um zur Arbeit zu fahren. Er hätte es allerdings anders sagen müssen: Er arbeite, um sich ein Auto leisten zu können. Sven holte Luft und fragte Lorenzo, ob er sich denn auch vier Mal pro Jahr Ferien leisten könne. Lorenzo verneinte, wenn er mal Lust habe, zu verreisen, müsse er das planen, auch finanziell. Trotzdem möchte er ihn an sein Motto erinnern: YOLO – you only live once... er habe einfach nicht den Eindruck, dass er sich daran halte. Vielmehr glaube er, ihm sei der Kontostand wichtiger als die Zeit. Nur gebe er zu bedenken, mit mehr Geld lebe er nicht länger. Wenn er heute arbeite, um es einmal nicht mehr zu tun, müsse er früh genug diesen Moment erkennen. Er jedenfalls möchte sein Leben mit ihm nicht tauschen.

8. Mai 2016


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