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Brunos Tramnotizen – N°62

Ihre Cornets hatten sich die beiden jungen Frauen mit übergrossen Eiscrème-Portionen auffüllen lassen, jonglierten damit gekonnt an den Leuten vorbei, stiegen am Stadelhofen in den 2er. Warum er sich denn kein Eis gekauft hätte, fragten sie ihren Begleiter, Matteo hiess er. Der rümpfte die Nase, sie wüssten doch, dass er in diesen Belangen heikel sei und nur hausgemachtes Eis mit natürlichen Zutaten esse. Die Blonde, Yvona,  lachte, das Vanille-Eis, das sie gekauft hätten, sei mit natürlichen Aromen zubereitet, das stünde so auf der Karte, Saskia könne dies bestätigen. Ja, sagte diese, da würden sie schon darauf achten. Matteo lächelte, sie dürften ihm als angehenden Lebensmittelchemiker glauben, dies sei nicht so. Bis vor kurzem hätte man für die Lebensmittelindustrie das Vanillin tatsächlich gänzlich synthetisch hergestellt, wie die meisten anderen Aromen auch. Auf Druck von Verbraucherschützern und Konsumentenverbänden habe man begonnen, aus natürlichen Rohstoffen Aromen herzustellen. Die Biotechnologen seien diesbezüglich ganz schön kreativ. Heute gewinne ein norwegischer Hersteller aus 100 Kilo Fichtenholz drei Kilo Vanillin. Weil die Bäume natürlich seien, gelte das Vanillin auf dem Markt auch als natürliches Aroma. In Deutschland mache man dasselbe mit Gelbwurz und ein bisschen Chemie sowie dreierlei Enzymen, die Dänen würden das Aroma mit Backhefe und Enzymen aus einem dungfressenden Pilz, einer Bazille und Gänserauke herstellen. Yvona und Saskia waren derweil bedacht, ihr Eiscrème mit der Zunge fleissig und kunstvoll so zu bearbeiten, dass nichts herabtropfte. Ihr Vanilleeis sei aus echter Vanille, all die schwarzen Punkte seien doch von den verarbeiteten Schoten, meinte Yvona unbekümmert. Matteo grinste, die schwarzen Punkte, wie sie sage, würde man beimischen, damit es so aussehe..., das sei billiger Kaffeesatz. Yvona und Saskia schauten sich ungläubig an. Matteo seinerseits fuhr fort, echtes Öko-Aroma würde eine französische Firma anbieten, Basis sei Altpapier... und am besten gefiele ihm die Erfindung einer Japanerin, die als Rohstoff Kuhfladen verwende. Rinder könnten nämlich das Lignin im Futter nicht verdauen, das Lignin würde dabei aber aufgeschlossen. Die Ausscheidung der Rinder sei schliesslich sehr effizient zu verarbeiten, man brauche auch weniger Energie als beispielsweise die Norweger bei der Verarbeitung des Fichtenholzes. Yvona hielt inne, wollte ihr Cornet weglegen, doch das ging nicht. Saskia dagegen liess sich ihren Appetit nicht verderben, lachte, Matteo mache doch bloss Witze. Matteo lächelte weiter vor sich hin, sagte, dass der weltweite Verbrauch je nach Berechnung über tausend Mal höher liege als das, was die Ernte von Vanilleschoten hergebe. Wenn sich der Konsument dann noch selber betrügen wolle und nach natürlichem Ersatz verlange, würde es die Industrie eben machen – und wenn es mit Kuhscheisse sei! Er fände das nicht verwerflich, aber er verzichte gerne darauf.

25. April 2016


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