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Brunos Tramnotizen – N°56

Der junge Blondschopf hievte am Bellevue einen 15 Kilo schweren Kartoffelsack in den 4er, setzte sich auf die erste Bank, zog den Sack zwischen seine Beine, schaute erst gelangweilt aus dem Fenster, errötete plötzlich, als er die Jugendlichen sah, die ebenfalls auf das Tram zustürmten und im allerletzten Moment den Türöffner drückten. Die beiden Jungs und das Mädchen, begrüssten den Blondschopf fröhlich, Vlado hiess er, gut, dass er da sei, ob er heute Abend auch in den Ausgang käme, sie träfen sich vorab im Kaufleuten. Vlado versuchte den Sack so gut es ging hinter seinen Beinen zu verstecken, sagte zaghaft nein, er könne nicht. Die Jungs drängten, er müsse kommen, was er denn sonst vorhabe, seine Eltern seien ja verreist, da könne er ohnehin tun, was er wolle. Vlado winkte ab, er könne nicht, ausserdem habe er keinen Stutz mehr dafür. Die Jungs schauten sich an, meinten, seine Eltern hätten ihm doch bestimmt Geld dagelassen. Ja, stöhnte Vlado, ja schon, das sei aber weg. Mit dem Haushaltsgeld, das sie ihm gegeben hätten, für Pizzas und so ... also ... mit dem Geld habe er seine längst fälligen Schulden bezahlt. Sie wüssten ja, für den Ausgang habe er nie Geld gekriegt, das musste er sich dauernd pumpen. Die Jungs schauten sich an, dann fragte der eine, wovon er denn jetzt die nächsten zwei Wochen lebe. Vlado schwieg. Das Mädchen, Maria hiess sie, fragte, was er da zwischen den Beinen habe. Vlado errötete erneut, senkte den Blick, schwieg weiter. Maria hakte nach, was er in diesem Sack habe. Vlado sagte nur: Kartoffeln. Die Jungs grölten, was er mit all den Kartoffeln mache. Vlado blickte kurz auf, sagte nun beinahe zornig: essen! Die Runde schaute sich ungläubig an, dann fragte einer der Jungs zaghaft nach: essen? Ja, essen, sagte Vlado. Er habe kein Geld mehr dafür, jetzt gebe es eben Kartoffeln. Einmal Pommes, er mache sie besser als die bei Mc Do, einmal Rösti, dann als Salat oder ... Zutaten habe es zuhause noch auf Vorrat. Man könne sehr viele Gerichte mit Kartoffeln machen, sogar Torten, er habe das bei Grossmutter in den Ferien gelernt. Die Runde war kurz sprachlos, dann lachten sie alle. Das dürfe ja nicht wahr sein, er, Vlado, er koche Kartoffeln, weil er kein Geld mehr habe! Vlado schämte sich. Dann wiederholte er leise, er habe die Schulden bezahlen müssen. Jetzt sei es halt einen Moment so: In den Ausgang komme er erst wieder, wenn er Stutz habe. Die Jungs schienen kein Mitleid zu haben, fragten, was es denn heute Abend gäbe, Kartoffeln mit Mayo und Ketchup? Mann-o-Mann, enervierte sich Vlado, sie seien doch alle nur blöd. Nur Maria schien ob der komischen Geschichte Sympathie für Vlado bekommen zu haben, fragte ihn, was er denn heute Abend koche. Vlado atmete auf, sein Lieblingsgericht, Gnocchi mit Tomatensauce oder mit Gorgonzola... Die Jungs grinsten spöttisch. Maria aber lächelte, selber gemachte Gnocchi, dafür würde sie weit gehen, ob er sie dazu einlade. Vlado’s Augen leuchteten, er nickte, sagte ja, die Jungs schwiegen.

14. März 2016


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