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Brunos Tramnotizen – N°99

Sie sei ein dummes Huhn, enervierte sich der junge Mann schon zum dritten Mal, ja, ein dummes Huhn sei ihre Freundin, es fehle ihr an Einsicht und Einfühlungsvermögen und sie habe keine Ahnung, was sie mit ihrem Blödsinn alles anrichte... stopp, stopp, stopp, sagte die Frau neben dem Mann, er solle jetzt mal die Luft anhalten, ihre Freundin habe in der Angelegenheit absolut richtig gehandelt und sie sei übrigens genau so wenig dumm, wie die Hühner, die er in solchen Situationen immerzu beleidige. Hühner seien dumm, trötzelte der Mann weiter. Die Frau lachte, Laura hiess sie, keine Ahnung habe er, Hühner seien weitaus intelligenter als er denke. Hühner seien sensibel und einfühlsam, gewitzt, sie könnten logisch denken und zählen. Ob sie ihn veräpplen wolle, regte sich der Mann wieder auf. Um Gotteswillen nein, meinte Laura. Nein, im ernst, fuhr sie fort, ihre Veterinär-Kollegen hätten in einer Studienarbeit belegt, dass Hühner sogar zählen können, schon als Küken! Frisch geschlüpfte Hühner würden grosse und kleine Mengen voneinander unterscheiden und der Grösse nach ordnen können. Ausserdem seien sie fähig, einfache Rechenaufgaben wie Addieren und Subtrahieren zu lösen. Der Mann schüttelte ungläubig den Kopf, grinste, so ein Quatsch, als ob Hühner eine Ahnung von Mathe hätten! Ja, hätten sie, die Hühner, dozierte Laura weiter, und ebenso von Physik: Hühner würden sich sogar die Flugbahn eines Balls merken und voraussehen, wo er auftreffe. Ja-ja, wie ein Tennisprofi, fügte der Mann schnöde hinzu. Laura fuhr unbeirrt weiter, selbst für Zeit hätten Hühner ein Verständnis. Würde ihnen zeitnah ein schmackhafteres Futter in Aussicht gestellt, würden sie lieber abwarten, sich beherrschen und nicht gierig vorab angebotene Körner aufpicken. All diese Fähigkeiten und das Wissen über den Rang in der Hackordnung würden laut der Veterinär-Studie dafür sprechen, dass Hühner ein Selbstbewusstsein besässen. Hühner seien auch mutig und neugierig, sie seien empathisch und würden ihren Artgenossen gegenüber Mitgefühl zeigen. Und, Laura lachte, sie könnten selbst den Güggel ärgern und ihn mit falschen Rufen bei gefundenem Fressen täuschen! À propos Hühner-Sprache, das Federvieh habe ein Repertoire von 24 unterschiedlichen Lautäusserungen, um untereinander zu kommunizieren. Der Mann schien sich geschlagen zu geben und fragte lapidar, ob sie sonst noch etwas über Hühner sagen wolle. Ja, meinte Laura, einen Güggel hätten sie schon lange nicht mehr gehabt, er könnte doch einen am Sonntag auftischen. In Anbetracht dessen, dass die Tiere gescheiter seien als er angenommen habe, erwarte sie von ihm allerdings, dass er seine Vorurteile überdenke und den Tieren mit mehr Respekt begegne. Sie verlange auch, dass er beim Posten daran denke und sich für ein der Intelligenz des Geflügels entsprechender und artgerechter Haltung entscheide. Der Mann stöhnte leise vor sich hin, meinte dann, es sei schon gut, er sage nie mehr dummes Huhn, aber ihre Freundin hätte trotzdem einen Vogel.

08. Januar 2017


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