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Brunos Tramnotizen – N°94

Die junge Frau liess sich nicht trösten, schien der Verzweiflung nahe. Sie sei derart verliebt... und er wolle nichts von ihr wissen! Sie halte das nicht mehr aus, sie könne nicht mehr schlafen, sich auf nichts konzentrieren, alles ginge schief! Die Freundin neben ihr, Melanie, sie war vielleicht ein paar Jahre älter, lächelte lieb, ja, sie kenne das auch. Das seien völlig überflüssige Momente im Leben, die sollte man blitzartig abhaken und sich selber sagen: dann-eben-nicht-schade-danke-und-tschüss!... selbst wenn sie es wolle, sie kriege es nicht hin, klagte Valery, so hiess die weinende Frau. Das werde eine gewisse Zeit dauern, meinte Melanie. Eigentlich gebe es gegen diesen unerträglichen Zustand nur Chemie, Pillen, rezeptpflichtige - oder gesunden Menschenverstand, der sei aber in solchen Situationen kaum vorhanden. An der Uni hätten sie dieses Phänomen im dritten Semester auch einmal besprochen. Blinde Verliebtheit sei ein Leiden, an dem primär der Kopf schuld sei. Ablehnung und Zurückweisung würden die Hirn-Areale simulieren, die für Motivation, Belohnung und Sucht zuständig seien. Man unterliege einem Endorphin-Rausch und sei in diesen Momenten drogensüchtig, nicht nach Heroin oder so, sondern nach einer Wunschbeziehung, die nur in der Phantasie existiere. Dieser Zustand sei aber genauso gefährlich. So eine Sucht fahre ordentlich ein und liesse sich nicht einfach nur mit gutem Willen bezwingen. In der Evolutionspsychologie führe man dieses Verhalten auf unsere steinzeitlichen Vorfahren zurück, die so für die Weitergabe überlebensfördernder genetischer Muster künftiger Generationen gesorgt hätten. Dafür sei es enorm wichtig gewesen, jemanden mit möglichst guten Erbanlagen als Partner zu gewinnen, um den Überlebenserfolg über die eigenen Nachkommen abzusichern. Der heutige Mensch habe diese Veranlagung geerbt, bewerte und empfinde es nur anders. Wir würden uns schlicht einen attraktiven Partner wünschen, einen allerdings, der grossartiger ist als man selbst... dieser mache aber evolutionsbiologisch auch dasselbe und suche ebenso jemanden mit grösserem genetischen Erfolgsversprechen. So könne keine Beziehung entstehen! Einen Moment schwiegen beide. Was sie denn nun tun solle, fragte Valery. Melanie zögerte, dafür gebe es kein Rezept. Erst wenn es etwas Ernstes sei, müsse sie sich vorher fragen, ob es auch funktioniere. Bei einem Flirt würden dagegen keine Spielregeln gelten. Das wäre jetzt in ihrem Zustand genau das Richtige für sie – sie könne sich damit selber etwas Gutes tun. Sie solle doch einmal an Matteo denken, an Julian, Leon... oder Noah. Valerys Augen begannen wieder zu leuchten, dann lachte sie, umarmte Melanie und sagte leise danke.

4. Dezember 2016


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