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Brunos Tramnotizen – N°93

Die drei Mädchen stiegen am Bellevue in den 4er, machten es sich vorne auf zwei Sitzreihen bequem, scherzten und lachten, tippten unablässig auf ihren Smartphones herum. Die Blondine schien eine besonders amüsante Message über WathsApp erhalten zu haben, schubste ihr Gegenüber, Melanie, zeigte ihr ein Foto auf dem Display, die beiden kicherten, umarmten sich, lachten dann laut heraus, der sei total süss! Wer da süss sei, wollte das dritte Mädchen wissen, Lara hiess sie, sie quetschte sich zu den beiden anderen, griff sich das Handy, schaute auf das Foto und schrie gleich auf, das sei doch Dustin, so süss! Warum der eigentlich nicht ins Ski-Weekend mitkomme, wollte Lara wissen. Er habe irgendwelche Familienverpflichtungen, meinte Melanie. Ach was, das erzähle er immer, sagte die Blondine. Noch nie sei er mit in den Ausgang gekommen, jede Party sage er ab. Er habe dafür einfach kein Geld. Lara und Melanie schauten sich entgeistert an. Ja, das sei leider so, fuhr die Blondine fort, seine Mutter sei alleinstehend, verdiene kaum genug für den Lebensunterhalt. Und ob sie denn das nicht gewusst hätten: Die Kleider, die Dustin trage, seien allesamt aus dem Second-Hand-Laden. Nicht einmal ein Smartphone könne er sich leisten, sein Prepaid-Handy sei ein Steinzeit-Nokia. Lara schaute traurig zum Fenster hinaus, doch, sie habe schon bemerkt, dass Dustin nie mitkäme, wenn sie mit ihrer Clique noch was vorhätten. Stimmt, fügte Melanie hinzu, wenn sie mittags zum Take Away gingen, leiste er sich auch nie etwas, er behaupte immer, er habe keinen Hunger. Ja, das sei total krass, sagte die Blondine, kein Geld zu haben, das sei schon extrem uncool! Sie müssten sich nur einmal vorstellen, nie in den Ausgang gehen zu können, am Abend entweder zuhause bleiben zu müssen oder vielleicht einmal mit Kollegen am See abzuhängen und am Wochenende nie an eine Party gehen zu können. Einmal habe sie Dustin ins Kaufleuten eingeladen, da blieb er nur kurz, er habe sich nicht einmal einen Drink leisten können. Eine Weile schwiegen die drei, dann fragte Melanie, was denn das Ski-Weekend koste. Eigentlich gar nichts, meinte die Blondine, der Beitrag koste 120 Stutz. Lara holte Luft, fragte dann ihre Freundinnen zaghaft, wie das wäre, wenn sie das bezahlen würden, das mache für jede 40 Franken. Die drei schauten sich einen kurzen Moment still an, kicherten dann und lachten schliesslich laut heraus. Okay, sagte Melanie, das dürfe aber niemand erfahren! Die Blondine räusperte sich, sie würde das einfädeln, sie könne das über den Klassenlehrer machen, der sei ja ein Nachbar von ihr, der würde dichthalten. Die drei standen auf, gingen albernd zur Tür, stiegen an der Höschgasse aus. Die beiden Herren, die zwei Sitzreihen weiter hinten gesessen hatten, schauten sich etwas verdutzt an, der am Fenster grinste, cool, die Mädchen, solche Freundinnen möchte er auch haben.

28. November 2016


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