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Brunos Tramnotizen – N°92

Die beiden stiegen am Stadelhofen ganz vorne in den 4er. Der Vater hatte den Arm um die Schultern seines Sohnes gelegt, strich ihm mit der Hand väterlich über den Kopf. Beide schwiegen. Der etwa 14jährige Sohn kämpfte mit den Tränen, seine Hände zitterten. Die Sache sei ihm so peinlich, begann der Bursche schliesslich, eine totale Blamage wäre das gewesen, die Prüfung habe er vermasselt, er wisse nicht, wie es nun weitergehen solle. Er habe sich die ganze Zukunft verbaut, er verliere jetzt mindestens ein Jahr! Der Prüfungsexperte habe ihn beim Schummeln nur deshalb erwischt, weil er rot geworden sei!... dauernd würde er rot, dazu werde es ihm heiss und er beginne zu zittern und zu stottern!... er kriege das einfach nicht in den Griff, er kapiere nicht, warum er immer rot werde, wenn er etwas täte, das vielleicht nicht ganz korrekt sei. Er könne nichts dagegen tun, er würde sich damit dauernd selbst verraten. Warum nur, warum? Das sei so beschämend, er habe total versagt!  Der Vater lächelte, passiert sei passiert, er müsse jetzt nach vorne schauen. Ausserdem fände er seine Reaktion völlig normal, irgendwie ehrlich, ja sogar anständig. Wenn jemand etwas Verbotenes täte, dabei rot werde, zeige er mit seinem Schamgefühl eigentlich nur, dass er ein Gewissen habe, in einem solchen Fall eben ein schlechtes Gewissen. Andere Menschen würden ihn deshalb nicht als Versager anschauen, mit der Schamesröte gestehe ein Mensch ja einen Fehler ein, den er begangen habe, man könne dies auch als Einsicht betrachten, als eine Art Entschuldigung gegenüber anderen. Wer hingegen bei einer unkorrekten Handlung kein Schamgefühl kriege und sich ungerührt zeige, der mache sich keine Freunde, der mache sich unbeliebt. So betrachtet sei das mit dem Spick an der Prüfung zwar eine dumme Panne gewesen, aber noch längst keine Schande. Die tröstenden Worte des Vaters mochten den Sohn zwar etwas zu beruhigen, sie taten ihm sichtlich gut, trotzdem ärgerte er sich weiter über sein Missgeschick. Er habe den Spick eigentlich gar nicht gebraucht, er hätte ihn nur wegen seiner notorischen Prüfungsangst bei sich gehabt... und er begreife nicht, warum er der einzige sei, der immer erwischt würde, alle anderen liessen sich nie etwas anmerken. Wieder lächelte der Vater. Das würde sich auch bei ihm noch ändern. Menschen würden heutzutage schnell lernen, mit Regelbrüchen umzugehen, die eigene Scham zu unterdrücken und die Angst vor einer Blamage zu überwinden. Das sei in unserer Gesellschaft leider auch notwendig. Denn wer Angst vor einer Blamage habe, der wage auch keinen Schritt nach vorn.

21. November 2016


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