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Brunos Tramnotizen – N°91

Er habe Angst, einfach immer Angst. Das nehme zu, von Tag zu Tag, jedes Mal, wenn er morgens ins Office komme. Und abends, auf dem Heimweg, werde er das Gefühl nie los, er könnte zu den nächsten gehören, die gehen müssten. Der Mann schaute bleich zum Fenster hinaus, Marc hiess er. Marc war etwa Mitte vierzig, arbeitete im Asset-Management einer Privatbank. Sein Freund neben ihm, Angelo, ein Personal Trainer mit der Figur eines Bodybuilders, empfahl Marc, doch einmal eine Pause zu machen, ein paar Tage frei zu nehmen, nach Klosters in seine Ferienwohnung zu fahren, einfach auszuspannen. Danach sehe die Welt wieder anders aus. Marcs Hände zitterten, seine Stimme war leise. Das gehe nicht, er könne nicht weg, die Situation in der gesamten Branche sei angespannt und miserabel. Sie seien angewiesen, mit immer weniger Kapital mehr Geld zu machen, das zwinge sie zu einem Hochrisikospiel. Das funktioniere aber nur sehr kurzfristig, Verluste seien vorprogrammiert und müssten mit immer neuen Einsätzen kompensiert werden. Am Schluss würden Investoren, vor allem Privatanleger, Totalschaden erleiden. Das System sei krank. Und wer da nicht mitmache, fliege raus. Sofort! Angelo mochte Marcs Situation nicht begreifen, meinte, er benehme sich wie einer, der kurz vor der Pension in Panik gerate und Angst habe, den Job zu verlieren. Er sei dafür erstens viel zu jung und zweitens viel zu erfolgreich. Marc lächelte säuerlich. Dem sei nicht so. In seinem Alter gehöre er in der Branche bereits zu den Unbequemen. Angelo lachte laut heraus, zu den Unbequemen? Marc holte Luft, ja zu den Unbequemen, weil Unbequeme nicht alles mitmachen würden. Asset-Manager sollten in erster Linie Vermögensverwalter sein, sie stünden in der Pflicht des Kunden, ihre Aufgabe sei es, dessen Geld gut anzulegen und zu vermehren. Das könne man nach Absprache mehr oder weniger risikoreich tun. Ein Finanzinstitut verdiene dabei mit. Einmal an jeder getätigten Investition und dann ebenso bei einem Gewinn. Wenn wie heute immer weniger Gewinn erzielt würde, müsse dies mit sehr risikoreichen Anlage-Investitionen kompensiert werden. Der Umsatz müsse für ein Finanzinstitut stimmen – basta. Ob der Kunde dabei verliere, stehe nicht zur Debatte, in der Verantwortung stehe letztlich der Kunde selbst. Erfahrene Asset-Manager würden bei solchen Spielen Sinn und Zweck hinterfragen, das sei unbequem. Die Arbeitgeber der Branche würden darum lieber mit hungrigen Newcomern arbeiten, die blind dem Erfolg nachrennen, unbequeme Mitarbeiter sortiere man dagegen frühzeitig aus. Angelo wurde nachdenklich, fragte, ob er sich jetzt um sein Geld Sorgen machen müsse. Marc verneinte, er habe dies längst aus dem System genommen, es sei sicher angelegt. Angelo grinste erleichtert, sagte, Marc sehe total alt aus, er nehme ihn jetzt mit ins Training, er mache ihn erst einmal wieder fit.

13. November 2016


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