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Brunos Tramnotizen – N°90

Die alte Dame sass alleine auf einer Zweierbank, lächelte glückselig vor sich hin, die Augen hielt sie halb geschlossen, ihre Hände ruhten auf einer weissen von Kinderhand bemalten Kartonschachtel. Die Dame sah rüstig aus und sie war auffallend gepflegt gekleidet. Seit sie am Tiefenbrunnen in den 4er gestiegen war, hob sie schon zum vierten Mal den Deckel mit der Linken leicht an, drehte den Kopf schräg nach unten, schaute durch die schmale Öffnung hinein, schloss den Deckel wieder mit einem leisen Seufzer, die Dame schien einfach nur glücklich zu sein. Als das Tram an der Höschgasse länger als gewöhnlich hielt, hob die Dame den Deckel ganz nach oben, beugte sich vor, wanderte mit ihren Fingern scheinbar zählend über die drei Dutzend Pralinen, die sorgsam in farbiges Seidenpapier gepackt waren. Nach einer Weile blickte die Dame auf, strahlte übers ganze Gesicht, schaute rüber zu dem jungen Herrn, der schon länger auf die Schachtel schielte, sagte, er dürfe sich das ruhig auch ansehen, es sei ihr Geburtstagsgeschenk von ihrer Enkelin. Vanessa heisse sie, sie sei erst zwölf Jahre alt, sie habe lange geprobt, bis sie die Pralinen so schön hingekriegt habe. Zartschmelzend seien sie, aus dunkler Schokolade, die möge sie besonders. Der Herr nickte artig, war etwas verlegen, ja es sehe sehr schön aus, gut gemacht, wie die vom Sprüngli eben. Die Dame lachte laut, ja, aber diese seien nicht gekauft, selber gemacht habe sie ihre Enkelin. Es mache ihr eine besondere Freude, wenn die Jugend sich wieder darauf besinne, etwas selber zu machen, wenn sie nachdenke und mit eigenen Ideen etwas Schönes zu schaffen vermöge. Die Dame atmete tief durch, es sei doch sonst so, dass sich junge Leute heute alles kaufen können. Sie würden es sich viel zu einfach machen, so wie es übrigens die meisten Erwachsenen auch täten. Sündschade sei das! Wenn junge Leute sich aber wieder damit auseinandersetzen würden, wie etwas entstehe, woher es käme und was man daraus machen könne, dann freue sie sich ganz besonders darüber. Das sei auch wichtig für die Zukunft unserer Gesellschaft, die Jugend von heute solle sich wieder auf die Grundwerte besinnen und müsse es künftig besser machen als die Generation zuvor. Der Herr schluckte leer, fühlte sich offensichtlich betroffen, sagte aber nichts. Drei Dutzend Pralinen hätte ihre Enkelin gemacht, fuhr die Dame fort, sechs Reihen, zu sechs Stück, sechs Sorten. Mit Ingwer, Chili, mit Sesam, Fleur de Sel, Rosmarin und Thymian..., ja Thymian! Die Dame schloss die Schachtel wieder, schaute zum Herrn auf, fixierte ihn mit festem Blick und sagte, die Alten seien mutlos und langweilig geworden, die Jugend von heute müsse wieder kreativer werden, sie sei sicher, die würden das schaffen.

6. November 2016


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