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Brunos Tramnotizen – N°53

Der Mann im Anzug lief der eleganten Dame schon auf der Seefeldstrasse hinterher, an der Höschgasse stieg er hinter ihr in den 4er. Als die Dame sich setzte und um sich schaute, erkannte sie den Herrn und lachte laut heraus. Ach er sei das, der Toni, das sei aber schon eine Ewigkeit her... Der Mann erschrak sichtlich, errötete und stotterte mehrmals «Bettina», schliesslich meinte er, es seien über 15 Jahre her, seit sie sich das letzte Mal gesehen hätten, das sei ja eine Überraschung! Der Mann setzte sich neben die Frau, fuhr sich durch die Haare, schaute Bettina fortwährend und ungläubig an. Wie sie sich verändert habe, das sei doch nicht möglich, entfuhr es ihm. Ja, das hätte er wohl nicht gedacht, damals, als er und seine Clique sie dauernd verhöhnt und gemobbt hätten! ... Er sei da nie beteiligt gewesen, wehrte sich Toni, er habe sich immer zurückgehalten. Bettina schaute Toni lächelnd an, meinte dann gutmütig, er könne das heute betrachten wie er wolle, er habe aber nie etwas dagegen unternommen. Wie dem auch sei, er sehe immer noch gleich aus, nur älter sei er halt geworden. Ja-ja, damals, das sei eine sehr harte Zeit gewesen, fuhr Bettina fort. Niemand habe ihr geholfen. Schliesslich sei sie in einer Klinik wegen Adipositas, also wegen ihrer Fettleibigkeit und Essstörung eingeliefert worden. Doch die Bewegungstherapien und Diäten hätten nur wenig geholfen. Erst als eine Ärztin sie ins Gebet genommen habe, sei alles besser geworden, das ganze Leben habe sich schlagartig geändert. Die Ärztin habe ihr klar gemacht, dass sie einfach ihre Einstellung ändern müsse. Sie habe ihr beigebracht, sich nicht mehr zu hassen, zu schämen, sich ab sofort zu mögen, stolz zu sein. Die Ärztin habe ihr gelehrt, mit aufrechter Haltung durch die Welt zu gehen, sie habe sie zu einer selbstbewussten Frau gemacht. Erst von da weg habe es geklappt. Sie sei heute nicht sehr viel weniger schwer als früher, aber gesund und fit, es sei ihr sehr wohl so, und, das dürfe er ihr glauben, heute könne sie sich die Männer selber aussuchen. Toni hörte Bettina andächtig zu, bewunderte die schöne Frau, die er vor sich hatte. Er habe schon immer geahnt, dass aus ihr einmal... Bettina lachte laut heraus. Lieber Toni, meinte sie, dafür sei es jetzt zu spät, sie sei in sehr, sehr guten Händen. Aber: Wenn er möge, solle er sie doch in ihrem Office besuchen. Sie führe eine namhafte Modelagentur, in ihrer Kartei könne sie noch ein paar angegraute Männer brauchen, die gut aussehen, er dürfe gerne auf ein Casting vorbeikommen.  

22. Februar 2016


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