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Brunos Tramnotizen – N°54

Nur was mehrheitsfähig sei, habe heute eine Chance, man müsse es immer allen recht machen, nur wer die breite Masse hinter sich habe, könne punkten. Das sei überall so, gesellschaftlich, politisch und eben auch wirtschaftlich. Der Mann nahm endlich seinen erhobenen Zeigefinger herab, fuhr sich mit der Hand über die Nase, begann süffisant zu lächeln und fragte seinen Kollegen – Matteo, seinen Assistenten, wie aus dem Gespräch hervorging – ob er das alles verstanden habe. Der sagte nichts, er nickte auch nicht, er schaute nur still ins Leere. Der Monolog seines Vorgesetzten, Mirko hiess er, begann am Bellevue, wo die beiden in den 4er eingestiegen waren. Die beiden arbeiten bei einem grossen Detailhändler und sind für den Einkauf von Lebensmitteln verantwortlich. Es sei nun mal so, das hätten alle bisherigen Studien zutage gebracht, Früchte und Gemüse müssen mehrheitsfähig schmecken und massentauglich sein. Matteo schüttelte den Kopf, das könne er nicht nachvollziehen. Tomaten hätten nach Tomaten zu schmecken. Er solle sich doch selbst mal an der Nase nehmen. Für sich selbst kaufe er ja auch nur auf dem Wochenmarkt ein, die Tomaten bei dem Bauern mit den alten Sorten... und dessen krumme Rüebli seien auch nicht die geraden, geschmacklosen nach EU-Norm. Ja, da habe er schon recht, erwiderte Mirko, das sei aber etwas anderes, er zähle sich nicht zur Masse, er sei er, und er wisse um diese Tatsachen Bescheid. Matteo grinste, damit sage er doch, dass alle ihre Kunden dumm seien. Mirko seufzte, sagte vehement nein, das denke er nicht, man setze da allein auf Marktstudien. Wenn zum Beispiel Peperoni wie früher nach Peperoni schmecken würden oder Spargel immer noch so schön bitter wären und man sie noch beim Wasserlösen riechen würde, dann würde man weniger Kunden ansprechen, man würde davon viel zu wenig verkaufen können, weil so etwas nicht mehrheitsfähig sei. Mit einer massentauglichen Geschmacksrichtung mache man dagegen die Ware einem breiteren Publikum zugänglich, das sei doch nicht verkehrt. Matteo verdrehte die Augen. Seiner Meinung nach sollten Leute, die keine Spargeln mögen, Broccoli essen, solche, die keine Peperoni vertragen, Tomaten kaufen. Das sei doch nur dumm und krank, für die Masse alles, was natürlich sei, künstlich wegzuzüchten. Einen Moment schwiegen beide. Dann meinte Mirko, so sei eben das Geschäft. Mit natürlichen, individuellen Produkten bediene man nur kleine Zielgruppen, das sei nicht effizient, man verdiene viel zu wenig, mit der grossen Masse sei alles einfacher, und darum ginge es: Erst mit der Masse verdiene man richtig Geld! Das funktioniere allerdings nur mit mehrheitsfähiger Massenware. Und solange die Kunden das mitmachen, ändere sich nichts und sie würden weiterhin Kasse machen.

29. Februar 2016


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