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Brunos Tramnotizen – N°46

Gut, er sei vielleicht immer auf den eigenen Vorteil bedacht, dann sei er eben ein Opportunist, sie möge das nennen, wie sie wolle, aber er bescheisse niemanden und das Wort Schmarotzer, das lasse er sich schon gar nicht gefallen. Doch, sagte sie, sie sei seine Schwester, sie müsse ihm das einmal gesagt haben. Er solle sich nur überlegen, warum ihn niemand möge, alle um ihn herum seien wegen des Jobs auf ihn angewiesen und täten nur darum freundlich. Die beiden stritten sich schon am Bellevue, wo sie in den 2er eingestiegen waren. Es sei einfach nur peinlich, wenn man mit ihm ausgehe. Wenn er einlade, empfehle er lautstark das billigste Menü, weil es scheinbar die Spezialität des Hauses sei und er bestelle es auch gleich ungefragt für alle Gäste. Umgekehrt wäre es, wenn er eingeladen würde, dann interessiere er sich nur für die teuersten Angebote à la Carte. Beim Teilen sei er genauso unmöglich. Überall, wo es etwas zu verteilen gäbe, stehe er in der ersten Reihe, picke sich schamlos das Beste heraus. Wenn es allerdings darum ginge, einen Beitrag zu leisten, liesse er sich nicht blicken, man müsse ihn mindestens zweimal dazu auffordern. Und was ebenfalls säuerlich aufstosse, sei seine ewige Angeberei über die Schnäppchen, die er mache, unerträglich sei dies, wenn er herumerzähle, was er wieder gekauft habe, nur weil es um die Hälfte herabgesetzt gewesen sei, Dinge, die er nicht mal brauche! Knausrig sei er, geizig, einfach bäääh! Sogar, wenn er etwas entsorgen müsse, sei ihm der ordentliche Aufwand zu gross, er verschenke den Schrott lauthals an irgendeinen Verein und stelle sich als Wohltäter dar. Als der Mann seine Schwester darum bat, etwas leiser zu sein, kam diese erst richtig in Fahrt, ihr Bruder sei ein kleingeistiger Wichtsack, auch im Geschäft, als Abteilungsleiter nach oben sei er ein schleimiger Anpasser, nach unten ein zynischer Despot. Der Bruder versuchte sich zu wehren, sie solle ihm doch erklären, was sie unter Opportunist und Despot verstehe, das stimme doch alles nicht, er sei doch einfach nur normal, so wie alle anderen. Die Schwester zischte ihm dazwischen, ein Ignorant sei er, einer, der nur selektiv das wahrnehme, was ihm passe, bei allem anderen sehe und höre er weg. Der Mann bettelte nun, sie mögen sich doch anderswo unterhalten. Die Schwester schwieg einem Augenblick, dann meinte sie in ruhigem, aber bestimmtem Ton, gut, er solle heute Abend zum Essen kommen und er möge den Wein mitbringen. Dann wurde sie wieder laut, er solle ja nicht auf die Idee kommen, irgendeinen Fusel aus einer Restpostenaktion mitzubringen, sie würde ihn gleich wieder rausschmeissen! Der Mann war wohl nur froh, die Schimpftirade seiner Schwester überstanden zu haben, lächelte blass, sagte artig ja, er käme, wie gewohnt, so gegen sieben.

4. Januar 2016


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