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Brunos Tramnotizen – N°45

Ja, er habe Angst, sagte der Mann am Fenster, fuhr mit der Linken zittrig über die Nase und sah mit verlegenem Blick zu seinem jungen Begleiter hinüber. Der fummelte beinahe ungerührt an seiner Sporttasche herum, grinste und meinte, er dürfe jetzt nicht auf Panik machen. Beide sassen sie im 4er ganz vorne auf der Bank, sportlich gekleidet in Trainingsklamotten, vom Käppi, Sweatshirt über Trainerhosen bis zu den Schuhen, alles in Schwarz und von Nike. Der Schriftzug auf einer Etikette verriet, dass sie vom Fitnesstudio Tiefenbrunnen kamen, der jüngere war Mitte zwanzig, sein Begleiter stand vor seinem fünfzigsten Geburtstag, wie aus dem Gespräch hervorging. Doch, fuhr der Ältere fort, selbst wenn er jetzt alle Ausgaben herunterschraube, auf teure Extras verzichte, er habe Angst. Das Geld würde nirgendwo hinreichen, auch seine Eigentumswohnung könne er nicht halten... der junge, Sven hiess er, unterbrach seinen Sportspartner abrupt, zischte laut Roger!... und fuhr dann fort, er habe vielleicht ein kritisches Alter, aber er sei immerhin noch U-50. Roger seufzte, das sei es ja eben. Als Personalchef wisse er selber, dass neue Stellen allesamt an Bewerber U-40 vergeben werden. Das sei einfach irrwitzig. Politiker bis hin zum Bundesrat würden palavern, die heutige Gesellschaft müsse länger arbeiten, bis 70 und vielleicht sogar darüber hinaus. Da könne er nur lachen, er kenne kein Unternehmen, das sich an ein solches Gebot halte. Als Personalchef hatte er gar die Weisung, Dossiers von Bewerbern Ü-40 gar nicht zu bearbeiten oder gleich zu schreddern, bei seinen Kollegen, die er kenne, sei das schon lange üblich gewesen. Der Jugendwahn, der in unserer Wirtschaft zelebriert würde, strapaziere nur unser System. Bis anhin sei dieses Problem einfach noch nicht sichtbar. Viele ältere Arbeitnehmer, die wegen Fusionitis oder Sparmassnahmen wegrationalisiert würden, tauchen in den Statistiken gar nie auf. Weil sie keine Stelle mehr fänden, machen sie sich selbständig, bieten sich zu Dumpingpreisen an, oder aber sie brauchen einfach ihr Erspartes auf. Man schäme sich, auf ein Amt zu gehen, sich registrieren zu lassen und um einen Staatszuschuss zu betteln. Jeder Unternehmer wisse um dieses Phänomen, und er kenne viele Firmen, die davon profitieren, sie engagieren die aus der Not heraus gewordenen Freiberufler nach Bedarf und bezahlen dafür nicht einmal die Hälfte des üblichen Honorars. Das wiederum mache das Gewerbe kaputt. Irgendeinmal, und die Zeit sei absehbar, würde das System kollabieren. Dann sei es allerdings zu spät, auch für diejenigen in der Wirtschaft und Politik, die bis anhin nur weggesehen haben. Roger wischte sich nervös über den Mund, wollte noch etwas sagen, resignierte dann und schwieg. Sven schien peinlich berührt, fragte Roger schliesslich, was er zu machen gedenke. Dieser stotterte nur, es bliebe ihm nichts anderes übrig, er mache sich als Berater selbständig.

28. Dezember 2015


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