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Brunos Tramnotizen – N°44

Der 2er fuhr am Stadelhofen los, die ältere Dame redete schon länger auf den Mittvierziger neben ihr ein, manchmal eindringlich, dann wieder flehend, letztlich beinahe verzweifelt. Er, im Anzug, schwieg mit ungerührter Miene vor sich hin, wippte nervös mit dem rechten Knie, starrte nur auf sein Smartphone, fingerte darauf endlos herum. Es seien jetzt schon fünf Jahre her, seit er mit der Familie und ihr gemeinsam Weihnachten gefeiert habe, inzwischen seien die Enkelkinder aus der Schule. Jedesmal wären sie um diese Zeit abgereist, irgendwo an die Sonne, wollten nichts wissen von Weihnachten. Sie sei immer ganz alleine gewesen. Dieses Jahr seien sie zuhause geblieben, es wäre wirklich schön, wenn sie alle einfach wieder einmal zusammen sein könnten. Der Mann, offenbar ihr Sohn, sagte nichts, starrte weiter auf sein Mobile. Die Dame hatte schon fast die Hoffnung aufgegeben, schien zu resignieren, nahm schliesslich alle Kraft zusammen, versuchte es nochmals und fragte ihn mit flehendem Blick, was nun jetzt sei, an Weihnachten. Der Mann machte endlich den Mund auf und sagte nur, er möge keinen Weihnachtsbaum und so Zeugs, dann war er wieder stumm. Die Dame versprach sofort, es gebe kein derartiges Zeugs. Ihre Augen verloren etwas an Traurigkeit, leuchteten für einen Moment auf, sie schöpfte wieder Hoffnung, sah ihren Sohnemann erwartungsvoll an, wartete. Doch der schwieg. Die Dame versuchte es erneut, meinte, sie würde einen Rindsschmorbraten auftischen, den möge er doch so gerne, und Rotkraut mit Kartoffelstock, zum Dessert gäbe es eine Marroni-Mousse mit Schlagrahm oder einen Schokoladekuchen, er dürfe sich von ihr alles wünschen. Der Mann fuhr mit der linken Hand übers Haar, bohrte in der Nase, strich sich übers Kinn, sagte nichts. Die Dame hoffte weiter. Sie könne natürlich auch etwas anderes machen, ein Filet im Teig... der Mann unterbrach sie, nein, das Rotkraut und den Kartoffelstock mache sie hervorragend, das kriege er sonst nirgendwo, und sie mache den besten Braten, doch, den habe er auch sehr gerne. Er sagte dies ohne aufzublicken. Die Dame atmete auf, fragte, ob sie etwas früher kommen würden, so um fünf... der Mann meinte, wenn es nur ums Essen ginge, könnten sie ja auch am 26. oder 27. vorbeikommen. Die Dame erschrak, sagte nur leise: bitte nein. Einen Moment war es still. Schliesslich schaute der Sohnemann seine Mutter ein erstes Mal an, lächelte sogar, sagte okay, sie kämen alle, auch die beiden Jungs, versprochen, pünktlich um fünf, er stand auf, verabschiedete sich mit einem flüchtigen Kuss, stieg an der Höschgasse aus. Die Dame zitterte vor Aufregung, schaute mit feuchten Augen hinterher, presste die Lippen zusammen, begann dann leise zu weinen und murmelte mehrmals vor sich hin, sie freue sich doch so sehr.


20. Dezember 2015


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