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Brunos Tramnotizen – N°43

Der junge Mann im Anzug sass am Fenster, schaute mit flehendem Blick nach draussen, eine Träne floss ihm über die Wange. Die Frau neben ihm, legte behutsam ihre Hand auf seinen Schenkel, sagte aufmunternd, das käme schon gut. Michi, so nannte er sich, war etwa 25, gut aussehend, sportlich, und er machte den Eindruck, als ob er keine Träne weinen könnte. Er wisse einfach nicht, wie er es anstellen und seinen Eltern sagen solle, wiederholte er schon mehrmals. Er und Raffael würden am Weihnachtstag nach Davos zu seinen Eltern in die Ferienwohnung fahren, seine Eltern wüssten schon, dass er ihnen dort etwas mitteilen möchte, aber es würden ihm einfach die Worte fehlen, er wisse nicht mehr weiter. Michi begann zu schluchzen, jetzt rollten ihm die Tränen gleich reihenweise über die Wange. Die Frau, sie hiess Daniela und war offensichtlich seine beste Freundin, legte jetzt den Kopf an Michis Schultern und drückte ihre Hand fest auf sein Knie. Er sei doch sonst nicht so ein Schisshase, er sei gescheit und nie um ein Wort verlegen, und er sei immer gut drauf und fröhlich, so soll er auch an Weihnachten sein, offenherzig, ehrlich. Die Tränen liefen weiter herab, jetzt übers ganze Gesicht, Michi versuchte ruhig zu atmen, sich zu fassen. Daniela meinte, es wäre unklug, die Angelegenheit weiter hinauszuschieben, er habe es schon an Ostern sagen wollen, dann zu seinem Geburtstag im Sommer, und auch im Herbst, als sich die ganze Familie bei den Grosseltern traf. Jedesmal sei auch Raffael dabeigewesen, alle wüssten, dass sie unzertrennliche Freunde seien, jetzt müsse er es einfach sagen, im nächsten Jahr würden sie ja sowieso zusammenziehen, nun sei die beste Gelegenheit dazu. Michi wischte sich mit dem Handrücken übers Gesicht, schaute zu Daniela rüber und meinte mit zittriger Stimme, ja er wisse es. Er habe einfach Angst, seine Eltern vor den Kopf zu stossen, sie irgendwie zu verletzen. Daniela lachte, das sei so etwas von einem Blödsinn, seine Eltern seien aufgeschlossen und nicht dumm, sie hätten ihn sonst bestimmt schon auf sein Beziehungsleben angesprochen, und schliesslich wüssten sie, dass er und Raffael bereits drei Jahre zusammen seien. Ausserdem hätten ihn beide, Vater und Mutter, sehr, sehr gerne. Das würde so auch bleiben. Und wenn er es an Silvester sagen würde, fragte Michi stotternd, oder zum Neuen Jahr? Nein, meinte Daniela energisch, wenn er es an Weihnachten nicht sage, würde er es auch die wenigen Tage später nicht tun. Es passe ganz gut an Weihnachten, da lüge man sich nicht etwas vor, er solle es jetzt versprechen, dass er es täte. Michi hielt einen Moment inne, holte tief Luft, schaute Daniela an und sagte dann mit fester Stimme, ja, er verspreche es. Am Stadelhofen stiegen beide aus dem 4er, Daniela umarmte Michi, gab ihm einen Kuss und meinte, das sei das Beste, was er an Weihnachten tun könne.


13. Dezember 2015


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