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Brunos Tramnotizen – N°42

Er sei doch nicht blöd, krächzte der Mann in sein Smartphone, Weihnachten mache ihm bestimmt keinen Stress, dann lachte er lauthals ein blechernes Ha-ha-ha durch den 2er. Die Leute um ihn herum schauten verdutzt auf, der lärmend gestikulierende Mann sah doch eigentlich ganz bieder aus, schicker Anzug, Krawatte, ordentlich saubere Schuhe, nur das laute Gelaber und sein proletenhaftes Auftreten wollten nicht dazu passen. Nein, nein, er sei doch nicht blöd, wiederholte er, er gehe bestimmt nicht in die Läden bei dieser Hektik, da müsse man überall anstehen, das mache er sowieso nie, nein, er mache alles online, und wieder trompetete er sein Ha-ha-ha durch den Tramwagen. Online könne er die Angebote in Ruhe vergleichen, dort kaufen, wo es am Billigsten sei, und es würde alles noch frei Haus geliefert, ja, er sei doch nicht blöd. Und im Laden sei sowieso alles sauteuer, und er wolle sich nicht bequatschen lassen von den vielen Verkäufern. Nur wenn er etwas wissen müsse, gehe er in den Laden, lasse sich alles zeigen, fotografiere die Artikelnummer mit dem Handy, dann bestelle er zuhause alles bequem online, nein, er sei doch nicht blöd, und wieder hallte es durchs Tram ha-ha-ha. Überhaupt verstehe er die Leute nicht, die jahrein jahraus in die Läden gingen, wo doch heutzutage alles online erhältlich sei, bequem, schnell und überhaupt am Billigsten. Wenn er sich überlege, was er online alles einspare, da täte sich ein hübsches Vermögen zusammen, wer das nicht einsehe, dem sei nicht zu helfen, ha-ha-ha. Gerade jetzt an Weihnachten, da würde er es besonders merken. Spätestens beim Checken der Rechnungen sehe er, wie billig er seine Weihnachtsgeschenke einkaufe, das sei eine wahre Freude, ha-ha-ha. Die Geschenke, die er von seinen Freunden kriege, seien alle viel teurer. Wenn er deren Ausgaben mit seinen vergleiche, mache er an Weihnachten sogar ein gutes Geschäft, ha-ha-ha. Das Tram hielt, der Mann stieg aus, man hörte noch einmal, dass er doch nicht blöd sei. Die beiden jungen Frauen, die die ganze Zeit unmittelbar neben dem Mann gestanden hatten, schauten sich kurz sprachlos an, dann konstatierte die jüngere, der habe doch gar keine Freunde. Doch, doch, meinte ihre Begleiterin, online. Nein, sie meine in Wirklichkeit, hakte die Jüngere nach. Die andere lachte, nein hat er nicht, der mache alles nur online.

7. Dezember 2015


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